Causa Mörgeli: eine linke Verschwörung?

Nach dem Rauswurf von Christoph Mörgeli herrscht Ernüchterung. Die Universität Zürich trennte sich von ihrem langjährigen Konservator. Das Medizinhistorische Museum sei in einem schlechten Zustand. Nicht so sehr im öffentlichen Bereich. Die Dauerausstellung sei zwar veraltet und teilweise inhaltlich inkorrekt. Viel mehr zu reden gab aber die nicht-öffentliche Objektsammlung. Laut Rektor Andreas Fischer befindet sich diese “in einem desolaten Zustand”.

Noch ist vieles unklar. Mörgeli räumte laut dem “Sonntag” ein, dass es im Institut “ein klimatisches und ethisches Problem” gibt. Die Medien kolportierten, menschliche Überreste seien Ungeziefer und Fäulnis ausgesetzt. Mörgeli habe als Konservator des Museums versagt. Seinen Job als Konservator ist denn auch los. Seine Stelle als Titularprofessor darf er behalten.

SVP wittert linke Verschwörung

Die SVP wittert eine linke Verschwörung. Christoph Blocher sagte den Medien, die Universitäten seien links unterwandert. Dies gelte besonders für die philosophische Fakultät.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in Akademikerkreisen anscheinend linke Haltungen überdurchschnittlich oft anzutreffen sind. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese Haltungen aber nicht als durchdachte, authentische politische Überzeugungen, sondern um eine Haltung, die aus Opportunitätsgründen zur Schau gestellt wird und keineswegs innerer Überzeugung entsprechen muss. Mode sozusagen. Zudem werden – bei weitem nicht nur in Akademikerkreisen – linke politische Programmpunkte mit Moral verwechselt. Viele Menschen, die anscheinend linke Standpunkte vertreten, haben vom System des Sozialismus, von seinen Zielen und Prinzipien zwar nichts verstanden, moralisieren aber aus dem Bauch heraus, was sie und viele andere Menschen als “links” verstehen. Auffallend viele sogenannte “Linke” geben sich ausgeprägt moralistisch, würden einer Überprüfung der politischen Compliance, wenn es diese denn im Sinn einer sozialistischen Partei gäbe, aber nicht standhalten.
Dass die philosophische Fakultät eine Domäne solcher “Linken” ist, ist allseits bekannt. Ebenfalls den meisten persönlich bekannt ist die “absolutistische Intoleranz”, von der Blocher spricht. Doch geht diese absolutistische Intoleranz weniger auf das Konto wirklicher Sozialisten und Kommunisten – diese sind in unserer Gesellschaft nämlich ihrerseits einer massiven Intoleranz und Diskriminierung ausgesetzt, und zwar nicht nur von der Rechten sondern auch von der Mitte. Sie geht auf das Konto jener Moralisten, die ihren Moralismus tatsächlich absolutistisch über alles erheben, was die absolutistische Intoleranz zur Folge hat. Zu allem Unglück wollen sie oft diesen Moralismus als “links” verstanden wissen, und ebenso oft verstehen ihn andere auch tatsächlich als “links”. Was das Unglück perfekt macht. Da solche “Linke” ihre Meinung nicht rational auf sozialistischer Doktrin aufbauen sondern emotional auf ihren Moralvorstellungen, die zudem oft – nolens volens? – stark christlich geprägt sind, sind sie nicht in der Lage, politische Diskussionen zu führen und andere politische Haltungen zu respektieren. Stattdessen führen sie, moralinsauer angetrieben, emotionale Glaubenskriege gegen Andersdenkende, verteidigen mit absolutistischer Intoleranz ihre rational nur schwer fassbaren, vor allem emotional manifestierten “Moralvorstellungen”. Solche Leute sind aber weder Sozialisten noch Kommunisten, auch wenn die große Mehrheit der vermeintlichen “Linken” sich gerade aus solchen Leuten zusammensetzt, auch wenn sich solche Leute vornehm an einer philosophischen Fakultät tummeln.
Wenn man bei solchen Leuten wirklich genau hinsieht, erkennt man, dass es unter dem roten Anstrich auch nicht wirklich um Moral sondern hinter dieser Maske fast ausschließlich um sich selbst und den eigenen Vorteil geht. Sie führen so gesehen auch keine Glaubenskriege sondern einfach den Ellbogenkrieg im täglichen Konkurrenzkampf um Vorteile. Wie alle anderen auch. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht, auch Politik und “Moral”. Im Rudel mit Gleichgesinnten unter dem Vorwand politischer Gesinnung oder mit erhobenem Moralfinger, getrieben aber eigentlich von reinem Egoismus, über Andersdenkende herzufallen, ist nur eine Möglichkeit von vielen, Konkurrenten im täglichen Konkurrenzkampf um Überlebensvorteile an die Wand zu drücken. Politisch ist daran aber nicht das Geringste. Moralisch auch nichts. Darwinistisch ist daran umso mehr.

Auch Gorillas sind Wissenschaftler

Nun wurde Mörgeli nicht offiziell aus politischen Gründen an die Wand gedrückt. Im Gegenteil, ein politischer Hintergrund seiner Entlassung wird seitens der Universität Zürich heftig bestritten. Es geht um die (wissenschaftliche) Qualität seiner Arbeit als Konservator. Einen politischen Hintergrund auch nur anzudeuten, könnte sich die Universität Zürich nicht leisten, weil ihre wissenschaftliche Reputation dadurch einen nur langfristig wieder wettzumachenden Schaden erlitte. Selbst wenn es einen politischen Hintergrund zu geben schiene, käme unter dem roten Anstrich rasch ein ganz anderes Motiv zum Vorschein: “Brotkorbterror”, wie Mörgeli selbst so schön sagte. Futterneid. Und mehr: Es ist ein Machtkampf, wie er dem Sozialverhalten diverser Hominiden entspricht. Mörgeli erhielt 2011 mit Flurin Condrau einen neuen Chef. Ähnliche Umstände wären anzutreffen, wenn der Zoo Zürich ein neues, dominantes Gorillamännchen in die bestehende Gorillagruppe integrieren würde. Es käme unweigerlich zu Machtkämpfen zwischen dem neuen und den angestammten Männchen. Dieser Machtkampf wurde am medizinhistorischen Institut der Universität Zürich, artgerecht, mit wissenschaftlichen Bandagen geführt: Condrau obsiegte, Mörgeli musste den Hut als Konservator nehmen. Nein, einen politischen Hintergrund hat die Causa Mörgerli nicht. Sie hat letztlich, wie alles in unserer Lebenswelt, einen ganz einfachen darwinistischen Hintergrund. Übrigens gibt es auch unter den Gorillas Wissenschaftler, wie das folgende Video des Calgary-Zoos zeigt:

Gorilla-Wissenschaftler bei der Arbeit

 

Aufmerksamkeit für Mörgeli

Man kann sich fragen, ob bei einem anderen Konservator mit dem gleichen Problem gleich oder ähnlich verfahren worden wäre wie bei Mörgeli:

  • Dass Indiskretionen über eine mögliche unrühmliche Entlassung bereits im Voraus an die Medien gelangten, hat zweifellos einen politischen Hintergrund. Christoph Mörgeli ist SVP-Nationalrat und genießt als nationale Größe mehr Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit als gewöhnliche Universitätsprofessoren. Unter diesen Vorzeichen vermag die Publikation nicht zu erstaunen, schon gar nicht zu empören, auch wenn die Quelle rechtswidrig handelte.
  • Zu empören vermag hingegen die Indiskretion unter dem Gesichtspunkt, dass sie ohne jeden Zweifel politisch oder sogar persönlich motiviert gewesen sein muss.

Ob ein anderer Konservator mit dem gleichen Problem wie Mörgeli auch entlassen worden wäre, lässt sich schließlich von außen nicht beurteilen.

Man darf sich durchaus auch fragen, ob vergleichbare Probleme an anderen Instituten und Fakultäten gleich scharf sanktioniert würden wie Mörgelis Problem mit der Objektsammlung des medizinhistorischen Museums. Ein Beispiel nur: Wieviele Richter, in den meisten Fällen lizenzierte Juristen, wursteln Jahrzehnte lang vor sich hin, verursachen Fehler, die in manchen Fällen von übergeordneten Instanzen korrigiert werden müssen, teilweise mit verheerenden Folgen für die Betroffenen, ohne dass die Fehlleistungen Konsequenzen für die Laufbahn der Richter zeitigen würden? Wieviele Richter lassen sich Ethikverletzungen zuschulden kommen, die nicht wie die bekannt gewordenen Ethikprobleme des medizinhistorischen Instituts Entlassungen zur Folge haben? Wieviele dieser Verfehlungen finden den Weg nie an die Öffentlichkeit? Deshalb: Wurde an Mörgeli und den Missständen um das medizinhistorischen Museum nicht ein Exempel statuiert, das andere Fakultäten beziehungsweise ihre Abgänger viel dringender nötig hätten?

Illoyalität, eine natürliche Reaktion

Als ob Universitätsrektor Andreas Fischer die Frage, ob an Mörgeli ein Exempel statuiert wird, geahnt hätte, betonte er, dass Mörgelis Illoyalität gegenüber der Universität und Flurin Condrau mit ein Grund für die Entlassung sei. Diese Illoyalität sollte jedoch nicht überbewertet oder überbetont werden. Denn Mörgeli hatte nach der Indiskretion und dem dadurch verursachten Wirbel um seine Person das gute Recht, sich genauso öffentlich zu den öffentlich gemachten Vorwürfen gegen ihn zu äußern, und zwar frei von der Leber weg. Um dies einzusehen, muss man nicht einmal Jurist sein. Es genügt vollauf, ein Mensch zu sein. Wer mit Mörgelis Reaktion ein Problem hat, hat dafür wahrscheinlich tatsächlich ein “politisches” Motiv.
Mörgelis Anwalt, Valentin Landmann, vermutet, die Indiskretion habe mitunter dem Zweck gedient, Mörgeli zu unbedachten Äußerungen zu provozieren, um ihn dann unter dem Vorwand solcher Äußerungen zu entlassen. Wer Mörgeli kenne, habe absehen können, dass und wie dieser auf die Indiskretion reagieren würde, sagte Landmann dem “Sonntag”. Jemandem derart auf die Füße zu treten, dass er sich entsprechend wehrt und man ihn damit vorführen kann, ist ein alter – und aus ethischer Sicht wirklich übler – Juristentrick. Mörgelis Reaktion und Äußerungen waren aber auch abgesehen davon weder problematisch noch illoyal. Sie entsprachen im Übrigen einer durchaus natürlichen menschlichen Reaktion auf die Indiskretion. Als Entlassungsgrund können sie nicht geltend gemacht werden. Wer sie als Entlassungsgrund anführt, weist damit nur die eigene Aversion gegen Mörgeli nach – und eine gewisse menschliche Unreife und Perfidie. Wer sie anführt, setzt sich dem Verdacht aus, Gründe für eine Entlassung zusammensuchen oder gar künstlich schaffen zu müssen.

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Ein letztes Wort zur kulturellen Barbarei

Der Schweizer Presserat hat sich mit der Beschwerde gegen die vom „Blick“ gefahrene „Petarden-Trottel“-Kampagne befasst. Im Entscheid 3/2012 heissen vier Frauen und ein Mann im Namen des Presserats die Beschwerde teilweise gut: die Privatsphäre des als „Petarden-Trottel“ porträtierten wurde unverhältnismässig verletzt. Jedoch wollen sie keine Verletzung der Menschenwürde erkennen. 

Die Stellungnahme des Presserats befasst sich so gut wie nicht mit dem Bildmaterial der „Petarden-Trottel“-Kampagne. Gerade aber dieses hatte es in sich. Nicht nur die Bezeichnung „Petarden-Trottel“ war herabwürdigend. Auch das Bildmaterial warf gröbere Fragezeichen auf. Zum Beispiel die Anspielung auf den Verlust von Fingern (Link aufrufen, um Foto und zugehörigen Text anzusehen).

Obwohl der Presserat sich nur am Rand mit den vom „Blick“ veröffentlichten „Petarden-Trottel“-Fotos auseinandersetzte, schloss er in seinem Entscheid eine Verletzung des journalistischen Ehrenkodexes durch die Publikation von Bildern aus:

„Und ebenso wenig hat ‚Blick‘ in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht, welche im Sinne der Richtlinien 8.3 und 8.5 zur ‚Erklärung‘ die Menschenwürde des Opfers und seiner Angehörigen missachten.“ (Ziff. 3 lit. c der Erwägungen)

Werfen wir einen Blick in die „Erkärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ sowie die zugehörigen „Richtlinien“ des Schweizer Presserats:

„Sie respektieren die Menschenwürde und verzichten in ihrer Berichterstattung in Text, Bild und Ton auf diskriminierende Anspielungen, welche die ethnische oder nationale Zugehörigkeit, die Religion, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Krankheiten sowie körperliche oder geistige Behinderung zum Gegenstand haben. Die Grenzen der Berichterstattung in Text, Bild und Ton über Kriege, terroristische Akte, Unglücksfälle und Katastrophen liegen dort, wo das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen nicht respektiert werden.“ (Ziff. 8 der Pflichten)

„Autorinnen und Autoren von Berichten über dramatische Ereignisse oder Gewalt müssen immer sorgfältig zwischen dem Recht der Öffentlichkeit auf Information und den Interessen der Opfer und der Betroffenen abwägen. Journalistinnen und Journalisten sind sensationelle Darstellungen untersagt, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren. Als sensationell gilt insbesondere die Darstellung von Sterbenden, Leidenden und Leichen, wenn die Darstellung in Text und Bild hinsichtlich detailgetreuer Beschreibung sowie Dauer und Grösse der Einstellungen die Grenze des durch das legitime Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit Gerechtfertigten übersteigt.“ (Ziff. 8.3 der Richtlinien)

„Fotografien und Fernsehbilder von Unglücksfällen, Katastrophen und Verbrechen müssen die Menschenwürde respektieren und darüber hinaus die Situation der Familie und der Angehörigen der Betroffenen berücksichtigen. Dies gilt besonders im Bereich der lokalen und regionalen Information.“  (Ziff. 8.3 der Richtlinien)

„Blick“ publiziert ein Foto des Verletzten, auf welchem dessen Hand und deutlich drei Finger zu sehen sind. „Blick“ stellt im Bildtext trocken fest:

„Kein aktuelles Bild: Da hatte Jogi B. noch alle Finger.“

Die entscheidende Frage ist, ob „Blick“ dadurch in diskriminierender Weise auf körperliche Behinderung anspielt, ob diese Anspielung diskriminierend ist, ob die Anspielung auf eine körperlichen Behinderung durch die Feststellung, dass das Bild nicht aktuell ist, weil der Verletzte darauf „noch alle Finger“ hat, diskriminierend ist.

Die Diskussion muss sich einerseits um die Bedeutung des Begriffs der Diskriminierung drehen. Der Presserat argumentiert bezüglich Diskriminierung in seiner Stellungnahme 3/2012:

„Der Presserat weist in seinen Stellungnahmen zum Diskriminierungsverbot und zur Menschenwürde (vgl. zuletzt die Stellungnahme 47/2011 mit weiteren Hinweisen) konstant darauf hin, dass die abwertende Äusserung gegen eine Gruppe oder ein Individuum eine Mindestintensität erreichen muss, um als herabwürdigend oder diskriminierend zu gelten. Nur dann verletzt sie Ziffer 8 der ‚Erklärung‘.“ (Ziff. 3 lit. b der Erwägungen)

Es stellt sich andererseits die Frage, wie die „Mindestintensität“ einer abwertenden Äusserung beschaffen ist, damit diese in der Meinung des Schweizer Presserats als herabwürdigend oder diskriminierend gilt. Fest steht jedenfalls, dass der Presserat diese „Mindestintensität“ in der „Petarden-Trottel“-Kampagne nicht erreicht sehen will. Insbesondere geniesst die Kommentarfreiheit für den Presserat besondere Bedeutung:

„Die Bezeichnung ‚Petarden-Trottel‘ ist zwar für den Betroffenen hart, sie bewegt sich aber innerhalb der Kommentarfreiheit, der ein grosser Freiraum zuzugestehen ist.“ (Ziff. 3 lit. c der Erwägungen)

Auf das oben genannte Bild und die Bildunterschrift geht der Presserat in seinen Erwägungen jedoch mit keinem Wort ein. Dies ist erstaunlich, zumal gerade diese Darstellung einer Behinderung m. E. die Grenze der tragbaren Geschmacklosigkeit weit überschreitet und gegenüber dem Porträtierten eine sehr negative Einstellung, die sich denn auch in den ausdrücklich gerügten Aspekten der „Blick“-Berichterstattung spiegelt, erkennen lässt. Im Gesamtzusammenhang steht es ausser Zweifel, dass die Herabwürdigung durch die Anspielung auf körperliche Behinderung mit der Feststellung, das Foto sei nicht aktuell, weil der Verletzte darauf noch alle Finger hat, beabsichtigt war, eine weitere Missachtung des Porträtierten. Allerdings nicht nur des Porträtierten, die Despektierlichkeit könnte theoretisch jeden Menschen mit einer Behinderung vor den Kopf stossen. Sie lässt jede Sensibilität gegenüber körperlicher Behinderung vermissen. Dass der Presserat hierin die von ihm geforderte „Mindestintensität“ noch immer nicht erreicht sieht, ist schon durchaus diskutabel. Dass er diesen Aspekt der „Blick“-Berichterstattung in seinen Erwägungen aber nicht einmal mit einem einzigen Wort würdigt, ist sogar sehr befremdlich, da ja gerade auch dieses Bild mit seinem Text offensichtlich inakzeptabel war.

Nimmt man hypothetisch an, dass die Presseratsmitglieder die geforderte „Mindestintensität“ darin nicht erreicht sehen und auch die Geschmacklosigkeit, mit der auf eine körperliche Behinderung angespielt wird, nicht erwähnenswert finden wollen, weil sie der Kommentarfreiheit „grossen Freiraum“ zugestehen wollen, ist darauf hinzuweisen, dass die Funktion des Presserats eine andere als die der Justiz ist.

Der Presserat kann, darf, soll und muss über Medienethik wachen. Er kann, darf und soll die Grenze des im Rahmen der Kommentarfreiheit medienethisch Zulässigen enger ziehen als die Justiz. Die Justiz zieht strafrechtlich die äusserste Grenze des Zulässigen. Als Wächter über die Ethik der Schweizer Medien ist zu erwarten, dass der Presserat die Grenze des Zulässigen rigider zieht als die rein juristische, dass er von den Medien effektiv den gesellschaftlich notwendigen Minimalanstand klar einfordert, der die Gesellschaft davor bewahrt, in kulturelle Barbarei zu verfallen. Ethische Grenzen dürfen durchaus enger gesetzt werden als rein juristische.

Der Mangel an Sensibilität, die Despektierlichkeit und die damit durchscheinende sehr negative Einstellung des „Blicks“ bezüglich der als „Petarden-Trottel“ porträtierten Person, die gesamthaft in der „Berichterstattung“ erkennbar war, kommt besonders deutlich im Bildtext zum oben genannten Bild zum Tragen. Die Empathielosigkeit, die feststellt, dass das Bild „kein aktuelles“ ist, weil der Verletzte darauf noch alle Finger hat, trifft jedoch nicht nur diesen. Der Text ist geeignet, jede körperlich behinderte Person zu tangieren. Die negative Einstellung des „Blicks“ gegenüber dem Porträtierten trifft potentiell auch andere. Die Frage ist nun, wie sie trifft.

Wie „Blick“ auf den Porträtierten zugeht, ihm begegnet, ist an Empathielosigkeit und Despektierlichkeit kaum zu überbieten. Die Verachtung kommt klar zum Ausdruck. Aber begegnet man so einem Menschen, wenn man ihn als Menschen wahrnimmt? Nein. Da „Blick“ wie oben ausgeführt potentiell weitere, unbeteiligte Personen trifft, lässt sich die Frage in dieser Hinsicht wiederholen. Und erneut verneinen. Die Verachtung eines körperlich Verletzten lässt jede Menschlichkeit vermissen. Sie degradiert dadurch den Verachteten zum Objekt. Gegenüber Objekten ist Empathielosigkeit nichts besonderes, eigentlich normal. Rufen wir uns die Richtlinien des Presserats in Erinnerung:

„Journalistinnen und Journalisten sind sensationelle Darstellungen untersagt, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren.“

Die Degradierung zum blossen Objekt ist schon durch die Gesamtheit der „Blick“-Darstellung des als „Petarden-Trottel“ Diffamierten gegeben. Im Besonderen aber durch den Mangel an Sensibilität, durch die Despektierlichkeit, die Empathielosigkeit, die deutlich andeuten, dass die „Blick“-Verantwortlichen den Porträtierten als Objekt wahrgenommen haben. Die unverhohlen negative Einstellung, die „Blick“ gegenüber dem Porträtierten erkennen lässt, und ihre Intensität macht alleine schon diesen zum Objekt, zum Objekt des Hasses der Sportredaktion des „Blicks“. Unschön ist, dass mit oben genanntem Bild und dem dazugehörigen Text auch andere, unbeteiligte Personen sich wie ein Objekt behandelt fühlen könnten. Noch unschöner ist nur, dass dem Schweizer Presserat die Sensibilität abgeht, dies wahrzunehmen, und er auf die Erwähnung des betreffenden Bildes und dem zugehörigen Text sogar gänzlich verzichtet.

Darüber hinaus suggeriert „Blick“ mit der Quellenangabe „zvg“, dass das Bild zur Verfügung gestellt worden sei. Der Abgebildete ist zwar mit Augenbalken anonymisiert, aufgrund der übrigen „Blick“-Berichterstattung jedoch identifizierbar, wie auch der Presserat in seiner Stellungnahme anerkannte (s. Ziff. 1 lit. c der Erwägungen). Dass das Bild zur Verfügung gestellt worden sei, ist blanker Hohn. Und genau dieser blanke Hohn, der schon feststellte, dass das Bild kein aktuelles sei, degradiert den Verhöhnten zum Objekt.

PS: Texte wie diesen zu schreiben, mag ich übrigens nicht. Das Thema ist damit nun hierorts abgeschlossen.

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Wieder sorgt „Blick“ für Unruhe

In Erinnerung ist die „Petarden-Trottel“-Kampagne, mit der „Blick“ mehr als nur harte Kritik erntete. Unlängst hiess der Schweizer Presserat Philippe Wampflers Beschwerde gegen die Berichterstattung teilweise gut (Entscheid 3/2012).

Im neuen, aktuellen Fall wird laut „NZZ Online“ die Publikation von Bildmaterial kritisiert. Auch Philippe Wampflers Blog thematisiert das Problem.

Die NZZ zitiert die flämische Medienministerin Ingrid Lieten:

„Weil diese Fotos irgendwo in einem sozialen Netzwerk im Internet verfügbar seien, ‚heisst das noch lange nicht, dass man sie auch brauchen und veröffentlichen kann‘ (…). Vor allem dann nicht, wenn die Bewilligung zur Veröffentlichung nicht gegeben worden sei, ergänzte sie.“

Den Schweizer Presserat gibt die NZZ wie folgt wieder:

„Dies bekräftigt auch der sich mit Medien-Ethik beschäftigende Schweizer Presserat in verschiedenen früheren Stellungnahmen. Nicht jedes Bild, das im Netz verfügbar sei, sei auch in den Massenmedien publizierbar.
Er kritisiert den ‚Blick‘ für die Veröffentlichung der Fotos, da das Fehlen von öffentlichem Informationswert unverkennbar sei, sagt Dominique von Burg, Präsident der Beschwerdeinstanz der Nachrichtenagentur SDA. Von Burg fragt sich zudem, ob die Zeitung das Einverständnis der Eltern für den Abdruck der Bilder hatte.“

Warum dieser neue Fall auch im Licht der „Petarden-Trottel“-Kampagne zu betrachten ist?

Der Presserats-Entscheid 3/2012 zur „Blick“-Berichterstattung geht in den Erwägungen so gut wie nicht auf die fragwürdige Verwendung von Bildmaterial ein. Es finden sich gerade einmal zwei Erwägungen zum Thema Bildmaterial:

  1. „Dies lässt sich im Lichte von Ziffer 7 der ‚Erklärung‘ selbst dann nicht rechtfertigen, wenn Bilder mit schwarzen Balken abgedeckt und der Name des Betroffenen nicht vollständig genannt werden. (…) Insbesondere der Artikel vom 9. November (…) enthält mit der Angabe von Vornamen und dem Initial des Nachnamens, dem mit einem schwarzen Balken abgedeckten Bild des Verunfallten, dem Wohnort (Adlikon), dem Bild des Hauses, in dem die Wohngemeinschaft wohnt sowie dem Beruf des Vaters (Schulpychologe), der Angabe des Vornamens des Vaters und dem Hinweis, dass dieser an zwei Sekundarschulen im Kanton Zürich arbeitet, eine Vielzahl von Identifikationsmerkmalen, die eine Identifikation ausserhalb desjenigen Kreises von Personen als wahrscheinlich erscheinen lässt, die im Sinne der Richtlinie 7.2 ausschliesslich durch die Medien informiert werden.“ (Ziff. 2 lit c. der Erwägungen)
  2. „Und ebenso wenig hat ‚Blick‘ in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht, welche im Sinne der Richtlinien 8.3 und 8.5 zur ‚Erklärung‘ die Menschenwürde des Opfers und seiner Angehörigen missachten.“ (Ziff. 3 lit. c)

Gerade aber das Bildmaterial, welches den als „Petarden-Trottel“ Porträtierten zeigt, wurde mutmasslich nicht wie „Blick“ in den jeweiligen Bildunterschriften mit der Quellenangabe „zvg“ glauben machen wollte von jenem oder dessen Umfeld zur Verfügung gestellt. Es entstand eher der Eindruck, dass „Blick“ sich diese Bilder des Porträtierten von sozialen Medien beschafft und ohne Genehmigung publiziert haben musste.

Im neuen Fall scheint „Blick“ gleich vorgegangen zu sein. Er dürfte Bildmaterial wiederum von sozialen Medien beschafft haben. Und er dürfte es wiederum ohne Genehmigung Berechtigter publiziert haben.

Dieser neue Fall ist deshalb auch im Licht der „Petarden-Trottel“-Kampagne zu betrachten, weil der Schweizer Presserat es sträflich vernachlässigt hat, das vom „Blick“ verwendete Bildmaterial einschliesslich indiskutabler Bildunterschriften zu thematisieren und zu beurteilen.
Der Presserat ging zwar in seinen Erwägungen so gut wie nicht auf das Bildmaterial und die Bildtexte ein, kam aber trotzdem irgendwie zum Schluss, dass „Blick“ nicht in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht habe, welche die Menschenwürde des Opfers missachten (siehe auch meinen Kommentar zu dieser Schlussfolgerung). Eigentlich kein Wunder, wenn man das entsprechende Bildmaterial und seine Bildunterschriften gar nicht erst in Erwägung zieht.

  • Hätte der Presserat im Fall „Petarden-Trottel“ das Bildmaterial erwogen, hätte er festgestellt – und ggf. dazu beim „Blick“ auch nach der Quelle des Materials nachfragen müssen -, dass es teilweise wahrscheinlich von sozialen Medien bezogen und dazu ohne Genehmigung des Berechtigten publiziert wurde.
  • Hätte der Presserat diesen Aspekt erwogen, hätte er dazu Stellung beziehen müssen. Was er aber nicht tat. Nun muss er sich vielleicht im neuen Fall, mit dem „Blick“ Aufmerksamkeit erregt, mit diesem Thema befassen.
  • Hätte der Presserat Bildmaterial samt zugehörigen Texten schon im Entscheid 3/2012 geprüft anstatt nicht darauf einzugehen, wäre „Blick“ womöglich schon damit darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Bezug von Bildern von sozialen Medien und die Publikation ohne Genehmigung der Berechtigten nicht angeht. Und es wäre gar nicht erst zum neuen Fall gekommen.
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Knatsch zwischen „Beobachter“ und „Weltwoche“

Der „Beobachter“-Journalist Dominique Strebel kritisiert in einem Blogbeitrag einen Berufskollegen von der „Weltwoche“. Alex Baur habe ihn falsch zitiert:

„In der Weltwoche vom 8. März 2012 schreibt Baur, ich hätte im Beobachter einen Text verfasst, der in der Vermutung gegipfelt habe, ‚dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen.‘ Die Anführungszeichen stammen vom Weltwoche-Text. Bauer erweckt damit den Eindruck, es werde eine Aussage von mir zitiert.“

„Baur behauptet in seinem Weltwoche-Text von Anfang März 2012 weiter, ich hätte einen naiv wohlwollenden Text über den Serienvergewaltiger Markus Wenger geschrieben.  Auch das ist falsch, denn der Text über Markus Wenger stammte nicht von mir, sondern von einer Ex-Weltwoche-Journalistin.“

Sehr geehrter Herr Strebel,

die Stossrichtung Ihres Textes ist offensichtlich. Ihre Haltung scheint klar durch: Sie kritisieren heftig die gängige Verwahrungspraxis.

Zum Beispiel:

„Sogar der eher verwahrungsfreundliche Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok geht von bloss 30 bis 40 Menschen aus, die in der Schweiz lebenslang verwahrt werden müssen. Was er selten oder nie erwähnt, sind die 130 Täter, die somit nicht lebenslänglich verwahrt werden dürfen [Anm.: kein Konjunktiv?]. Diese sollten einmal entlassen werden können, doch in den letzten zehn Jahren kamen nur gerade sieben frei.“

Sie verweisen zwar auf Urbanioks Aussage. Doch es ist Ihre und nicht seine Schlussfolgerung, dass 130 Täter nicht lebenslänglich verwahrt werden dürfen und einmal entlassen werden können sollten. Sie betonen sogar, dass es Ihre und nicht seine Schlussfolgerung ist, und zwar mit dem Hinweis, dass Urbaniok diese 130 „selten oder nie erwähnt“. Dafür erwähnen Sie sie in Ihrem Artikel. Sie machen sich stark für Sie: sie dürfen nicht lebenslänglich verwahrt werden und sie sollten entlassen werden können.

Daraus folgt: die Aussage, Ihr Artikel gipfle in der Vermutung, „dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen“, ist nicht unrichtig. Präziser wäre die Feststellung, dass Ihr Artikel nicht in einer blossen solchen Vermutung sondern in einer entsprechenden Schlussfolgerung gipfelt. Konkret schlussfolgern Sie, dass rund 3/4 (was tatsächlich „mehr als die Hälfte“ ist) der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen. Da dies Ihre Schlussfolgerung ist, ist nicht schlüssig, weshalb Sie nicht mit einer entsprechenden Aussage in Verbindung gebracht werden dürften. Zwar führt Alex Baur ein Zitat an, welches Leser theoretisch Ihnen zuschreiben könnten, aber selbst wenn sie es Ihnen zuschrieben, wäre dies inhaltlich sicher nicht unrichtig. Andererseits ist die Interpretation, dass das Zitat von Ihnen selbst stammt, nicht zwingend. Streng genommen gipfelt Ihr Artikel laut Alex Baur einfach irgendwie in dieser Aussage.

Sie urteilen über Alex Baurs Text:

„Leider hat mich Baur zu diesen Vorwürfen vorgängig nicht Stellung nehmen lassen. Mit seinem Text verletzte der Recherchejournalist mehrfach die Wahrheits- und Fairnessgebote des Presserates.“

Aus Alex Baurs Artikel ist m.E. kein schwerwiegender Vorwurf an Ihre Adresse heraus zu lesen. Eine vorgängige Anhörung gemäss Richtlinien des Presserats – d.h. bei schwerwiegenden Vorwürfen – drängt sich m.E. nicht auf. Zu bemängeln ist einzig, dass der von Baur kritisierte Text über Wenger ursprünglich nicht aus Ihrer Feder stammt. Auf den Text wird aber in Ihrem Artikel verwiesen. Ob Alex Baur mit diesem Irrtum die Wahrheitspflicht in gravierender Weise oder absichtlich verletzt hat, lasse ich gerne offen. Ein konkreter taktischer Nutzen ist mir aus diesem Irrtum jedenfalls nicht ersichtlich.

Diese Antwort schreibe ich Ihnen übrigens auf meinem Blog, weil Sie aus unerfindlichen Gründen meine Kommentare neuerdings moderieren? Bisher konnte ich auf Ihrem Blog problemlos Kommentare verfassen, Herr Strebel. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang zum Fall Thür und meiner – auf meinem Blog und nicht etwa als Kommentare bei Ihnen veröffentlicher – Kritik an der Berichterstattung des „Beobachters“ über die Website „papanews.ch“? Sie haben mich nämlich auf Ihrem Blog  nach den Veröffentlichungen über den Fall Thür auf Moderation geschaltet, was entsprechende Vermutungen nährt. Denn vorher gab es keine Moderation bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüssen

Feldstecher

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Im Interesse der Gesellschaft?

Academi, Aegis, G4S sind bekannte private Sicherheitsdienstleister. Den einen oder anderen Namen hat man auch in der Schweiz schon gehört, mindestens „Aegis“. Das Unternehmen hat 2010 für Schlagzeilen gesorgt, als es seinen Sitz in die Schweiz verlegte und damit Politiker aus allen Lagern auf den Plan rief. Bekannt ist hierzulande auch, dass die diplomatische Vertretung der Schweiz in Libyen durch ein solches Sicherheitsunternehmen bewacht wurde.

Weniger bekannt waren bis anhin private Nachrichtendienste. Von Wirtschaftsnachrichtendiensten und Ratingagenturen hat jedermann schon gehört. Private strategische Nachrichtendienste jedoch sind neu für die breite Öffentlichkeit. In der Schweiz sorgen derzeit zwei für Schlagzeilen: Stratfor und Arcanum. Stratfor geriet durch Verlust von vertraulichen Daten ins Rampenlicht. Arcanum erregt aktuell Aufmerksamkeit mit einem israelischen Topspion im Beraterstab, wie der Tagesanzeiger berichtet.
Bekannt ist, dass US-Botschaften im Ausland teilweise auf private Nachrichten- und Sicherheitsdienste setzen, um ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten. In der Schweiz war es die Securitas, welche im Auftrag von Nestlé die Aktivistengruppe „Attacinfiltrierte.

Private Nachrichtendienste sind wie private Sicherheitsdienstleister eine logische Folge der Liberalisierung. Erfolgreich sind sie in erster Linie deshalb, weil sie geringere Kosten verursachen als gleichwertige staatliche Organisationen und eine Nachfrage nach ihren Produkten besteht. In zweiter Linie arbeiten sie qualitativ auch hochwertig, weil sie im Wettbewerb zu gleichartigen Unternehmen weltweit stehen, profitorientiert arbeiten und somit verstärktem Effizienzzwang unterstehen.
Im Vereinigten Königreich ist die Regierung deshalb daran, reguläre Polizeifunktionen an G4S zu übertragen und Haftanstalten zu privatisieren. Es soll deshalb nicht erstaunen, dass auch bisherige Staatsaufgaben im nachrichtendienstlichen Bereich an private Nachrichtendienste übergeben werden. So bildet beispielsweise Stratfor auch Angehörige von militärischen Nachrichtendiensten in den USA aus.

Problematisch ist, dass zahlungskräftige Personen zu privaten Zwecken auf private Nachrichtendienste zurückgreifen könnten, um jedwede persönliche Interessen zu verfolgen, während diese Möglichkeit nicht hat, wer nicht liquide genug ist. Wer sich den privaten Geheimdienst leisten kann, hat zweifellos einen enormen strategischen Vorteil im globalen Konkurrenzkampf, Information nämlich: Wissen ist Macht. Zwar stehen heute schon Legionen von Privatdetektiven gegen Bezahlung in dieser Funktion zur Verfügung. Aber komplette, international vernetzte und tätige Nachrichtendienste versprechen eine neue Dimension der Nachrichtenbeschaffung – und womöglich weiterer nachrichtendienstlicher Optionen. Ohne dass ihre Tätigkeit demokratisch gewählten und legitimierten Kontrollorganen unterstehen würde.
Bedroht sind durch diese Entwicklung mehrere menschenrechtliche Grundfreiheiten, nicht generell, aber zweifellos in sogenannten „Einzelfällen“, die vorprogrammiert sind. Beispielsweise darf man davon ausgehen, dass Privat- und Familiensphäre für private Nachrichtendienste an Bedeutung verlieren könnten, wenn für gutes Geld Informationen zu beschaffen sind. Bedroht ist theoretisch auch die Rechtssicherheit, wenn private Nachrichtendienste ohne gesetzliche Grundlage und ohne Kontrolle Gesetze brechen würden, um ihre Aufträge zu erfüllen.

Man mag lamentieren, dass die Entwicklung unaufhaltbar sei. Sie ist vermutlich auch unaufhaltbar. Die Bürger haben etliche Probleme der Zeit verschlafen, obwohl sie im demokratischen Staat alle Möglichkeiten hätten, sie selber zu lösen, obwohl sie der Liberalisierung Einhalt gebieten könnten.
Wer in Bezug auf private Nachrichtendienste Moral ins Spiel bringen will, beantwortet möglichst als erstes die Frage, ob die Gesellschaft denn eine andere Entwicklung verdient hat, zumal sie diese Entwicklung selber herbei führt und dies paradoxerweise gleichzeitig auch verschläft. Ob es nicht zum Guten ist, im Interesse der Gesellschaft („for the greater good“), dass private strategische Nachrichtendienste sich der globalen Sicherheit und Entwicklung annehmen?

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