Macht SVP-Kantonsrat Zanetti neu auf Querulant?

Etwas tuntige Anzeige wirft hohe Wellen

Kantonsrat Claudio Zanetti (SVP) erhebt laut NZZ schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich. Obgleich er bedroht und aufs Übelste beschimpft worden sei, liessen ihn die Strafverfolger im Regen stehen. Die Staatsanwaltschaft war auf eine Anzeige Zanettis nicht eingetreten.

Andreas Schürer beschreibt in der NZZ, wie SVP-Kantonsrat Claudio bei der Staatsanwaltschaft mit einer Anzeige abblitzte und wie er darauf reagiert: mit Unverständnis, dass er im Regen stehen gelassen wird. Angeblich sei er von einem ehemaligen Sozialarbeiter, heute ohne festen Wohnsitz, per Email übel beschimpft und bedroht worden. Die NZZ schreibt dazu:

Der 61-jährige ausgebildete Sozialarbeiter ist schweizweit berüchtigt. Seit der Trennung von seiner Frau und den drei Kindern vor über zehn Jahren tourt er mit seinem Wohnmobil durch die Schweiz – und belästigt Hunderte Ämter per Mail und Telefon.

Irgendwie ist sich nicht des Eindrucks zu erwehren, es könnte ein Zusammenhang bestehen zwischen der Trennung von Frau und Kindern auf der einen Seite und der offenbar seither bestehenden Wohnsituation im Camper auf der anderen Seite. Auch dass der Mann, der seit zehn Jahren von seinen Kindern getrennt ist, “Hunderte Ämter”, wie die NZZ schreibt, per Email und Telefon belästige, könnte psychologisch mit der Trennung – vor allem auch von den Kindern – zusammenhängen.
Gerade zur Frage dieser möglichen Zusammenhänge wäre die fundierte, qualifizierte und insbesondere objektive, politisch unbefangene Meinung eines Experten auf dem Gebiete der zwischenmenschlichen Beziehungen, Kommunikation und Psyche von Interesse. Doch geht die NZZ diesem Aspekt und dieser Fragestellung aus dem Weg, der Schwerpunkt des Artikels liegt woanders. Immerhin sind für die NZZ aber noch die Inhalte der angeblich belästigenden Emails und Telefonate wichtig. Diese fasst sie wie folgt zusammen:

Er stellt unmögliche finanzielle Forderungen, ist aber nicht bereit, Bestimmungen zu erfüllen.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, woher die NZZ dies weiss und wer ihr diese Auskünfte – der Sache nach vermutlich das Amtsgeheimnis verletzend oder aber verleumderisch – erteilt hat. Inwiefern diese Details von öffentlichem Interesse sein und eine Publikation rechtfertigen sollen, ist von seriösen Journalisten auch zu hinterfragen. Grundsätzlich würde auch interessieren, in wessen Augen die angeblichen Emails und Telefonate belästigend sein sollen und wodurch. Und was für Bestimmungen erfüllt der Betreffende nicht? Die NZZ verpasst es zudem, den Betreffenden zu diesen schweren Vorwürfen Stellung nehmen zu lassen.

Die NZZ konzentriert sich im Folgenden auf die Geschichte, die den Anlass zum Artikel gegeben hat:

Anfang April wandte er sich telefonisch an Claudio Zanetti, SVP-Kantonsrat und Präsident der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission (GPK). Weil Zanetti nicht auf die Forderungen eintrat, schickte ihm der Mann mit Kopie an die Parlamentsdienste eine geharnischte Mail, in der unter anderem steht: «Typen Ihres Kalibers gehören an die Wand gestellt und den Fischen in der Limmat zum Frass vorgeworfen.» Garniert ist die Mail mit einem halben Dutzend Schimpfwörtern der übelsten Sorte.

Dass die geharnischte Email, die der Betreffende Kantonsrat Claudio Zanetti mit Kopie an die Parlamentsdienste des Kantons Zürich schrieb, mit Schimpfwörtern «garniert» ist, wie Schürer es formuliert, und dazu die starke, im Bericht wiedergegebene Herabsetzung des Adressaten vornimmt, ist glaubhaft, da der NZZ eine Kopie dieses Emails vorliegen dürfte, auch wenn sie dies nicht ausdrücklich erwähnt.

Zanetti: Anzeige wegen Drohung und Beschimpfung

Um diese Email geht es im NZZ-Bericht auch, im Vordergrund steht die zitierte Herabsetzung des Adressaten: In Absprache mit der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission, die Zanetti präsidiert, habe dieser Anzeige wegen Drohung und Beschimpfung erstattet. Die vom NZZ-Bericht zitierte Stelle enthält aber mitnichten eine Drohung. Sie ist zwar stark herabsetzend, da sie geeignet ist, «Typen» vom «Kaliber» eines Claudio Zanetti den Lebenswert abzusprechen (vorausgesetzt, dass die Wendung «an die Wand gestellt» als Exekution zu interpretieren ist, was durch die im zitierten Satz vorgesehene Verwertung des an die Wand Gestellten als «Frass» für die Fische in der Limmat gestützt, jedenfalls nicht widersprochen wird), indem sie für solche Tod durch Exekution und darauf die Verwertung der Leichen als Fischfutter fordert. Im Sinne einer Drohung kann die Forderung des Todes für Personen wie Claudio Zanetti aber nicht verstanden werden, da die geforderten Todesumstände eine staatliche oder rebellische, aus einem grösseren militärischen oder polizeilichen Personennetzwerk bestehende Struktur erfordert, die technisch und organisatorisch in der Lage ist, in Sinne der Wendung «an die Wand stellen» Menschen zu exekutieren. Die Wahl des Begriffs schliesst eine Straftat durch Einzeltäter («lone wulfs») aus. Demnach kann keine Androhung des ernstlichen Nachteils Tod durch Erschiessen an der Wand festgestellt werden. Die Umsetzung bedürfte eine für den Urheber des Emails nicht erreichbare staatliche oder parastaatliche rebellische Struktur, die über Mittel und Autorität verfügt, Feinde festzunehmen, um sie standgerichtlich zum Tode zu verurteilen, an die Wand zu stellen und ebendort zu exekutieren. Im Übrigen hat die Wendung «an die Wand stellen» unter Schweizern Stammtischcharakter, eine Aura, die im vorliegenden Fall durch die geforderte Verwendung der Leichen als Fischfutter zusätzlich noch betont wird. Besonders diese vorgesehene Verwendung unterstreicht denn auch, dass die Forderung nicht ganz ernst gemeint sein dürfte.

Staatsanwaltschaft ZH: «Gähn»

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich vermochte keine Drohung in besagter Passage zu erkennen. Auch Ehrverletzungen konnte sie dem Email keine entnehmen. Sie trat auf Zanettis Anzeige nicht ein. Dies nun verursachte den Aufruhr Zanettis, der den Entscheid der Staatsanwaltschaft beim Zürcher Obergericht anfechten will. Die NZZ schreibt dazu:

Zanetti will den Fall nun vor das Obergericht weiterziehen – und er wirft den Zürcher Strafverfolgungsbehörden Parteilichkeit vor. Gegen SVP-Politiker wie Christoph Blocher, Christoph Mörgeli und Claudio Schmid gehe die Staatsanwaltschaft rigoros vor. Brauche hingegen ein SVP-Vertreter einmal Schutz, werde er im Regen stehengelassen.

Inwiefern eine Beschimpfung vorliegen könnte, lässt sich ohne Wortlaut der inkriminierten Email nicht genau abschätzen. Grundsätzlich gilt aber, dass man über das Berufsverhalten einer Person herziehen darf, als wäre man Satan persönlich. Man muss sich dabei nicht einmal an die Wahrheit halten. Verboten ist unlauterer Wettbewerb, das heisst, es geht nicht an, geschäftsschädigende Unwahrheiten über eine Berufsperson zu verbreiten, aber die subjektive Meinung darf allemal ausgesagt und auch verbreitet werden, und wenn sie noch so hirnrissig ist. Dies gilt selbstredend auch in Bezug auf Politiker, auch wenn sie keine Berufspolitiker sind. Die Politik lässt der Negativwerbung zur Verdrängung der Konkurrenz zudem einen weitaus grösseren Spielraum als der kommerziellen Negativwerbung, die schnell einmal als unlauterer Wettbewerb gilt.
Unantastbar ist aber der Mensch, die Person, die Persönlichkeit. Wenn jemand in der Ausübung seines Berufs wie ein Idiot aus der Wäsche guckt, darf man das aber frei äussern, ohne strafrechtlich belangt werden zu können, denn eine Beschimpfung als «Idiot» würde sich in diesem Zusammenhang entweder ausdrücklich auf das Berufsverhalten beziehen oder sich dieser Bezug mindestens implizit aus dem Kontext heraus ergeben, die Beschimpfung sich somit nicht auf den Menschen beziehen. Theoretisch könnte man deshalb auch einen Polizeibeamten, einen Staatsanwalt oder einen Richter als «Idioten» bezeichnen, wenn man keine Scheu hat, sich auf ein derart vulgäres Niveau herabzulassen, sein Berufsverhalten zu qualifizieren – theoretisch, denn es gibt keine Gewähr, dass nicht doch eine Strafanzeige wegen Beamtenbeleidigung oder andere Nachteile die Folge sein könnten. Ein professioneller Polizeibeamter würde sich durch ein «Idiot» allerdings sowenig aus der Ruhe bringen lassen wie ein professioneller Psychiatriepfleger. Ausserdem wäre eine Anzeige nur wegen einer solchen Kleinigkeit im wahrsten Sinn des Worts querulatorisch, würde auf gewisse Leute womöglich «tuntig» wirken und wäre sicherlich einfach – idiotisch.
Auch Politiker müssen sich bezüglich ihrer Politik einiges an Kritik gefallen lassen, auch Tiervergleiche und noch wüstere Herabsetzungen. Es wäre beispielsweise keine Straftat, die Zürcher Kantonsräte pauschal als «Idioten» zu bezeichnen, zumal die Abqualifizierung die Ausübung ihrer Funktion als Kantonsräte und nicht sie als Menschen umfasst. Allerdings ist Wortwahl immer auch Geschmackssache, und mit der Wortwahl macht ein Sprecher oder Autor auch eine Aussage über sich (und seine aktuelle Gemütsverfassung) selbst. Manchmal kann es zwar erforderlich sein, sich ganz bewusst, mit kaltem Kalkül eines schärferen Klartexts zu bedienen, um gehört zu werden, um durchzudringen, gerade in der Politik, wenn sie sich gegenüber manchen Problemen der Gesellschaft blind, taub, unsensibel und geistig minderbemittelt gibt.

Querulanten: seit Leibacher eine Gefahr

Im Fall Zanetti geht es inzwischen um mehr. Zanetti macht eine Drohung geltend und moniert, ihm werde polizeilicher Schutz versagt, weil er der SVP angehört. Es wäre Zanetti aber Unrecht getan, seine Anzeige als «tuntig» oder «querulatorisch» abzutun. Ihm geht es darum, aus der Angelegenheit politisch Kapital zu schlagen, ein Schlaglicht auf die Arbeitsmoral der Staatsanwaltschaft zu werfen – ob zu Recht oder nicht, ob Speerspitze der Freiheit oder lediglich Schaumschlägerei, bleibe an dieser Stelle dahin gestellt. Theoretisch denkbare finanzielle Interessen Zanettis sind unwahrscheinlich, da es erstens beim Urheber des Emails nichts zu holen gibt, der Aufwand den Nutzen massiv übersteigen würde und Zanetti zweitens eine für die von ihm geltend gemachten Delikte in der Schweiz übliche, geringe Genugtuungssumme auch nicht nötig hat.
Die NZZ berichtet, dass die Kantonspolizei Zürich das inkriminierte Email aber ernst nahm und Abklärungen traf, über welche sie die Parlamentsdienste orientierte:

Was die Kantonspolizei im konkreten Fall unternimmt, gibt sie nicht preis. In einer Mail an die Parlamentsdienste stufte sie den 61-Jährigen aber als ungefährlich ein. Sie schrieb: «Er meldet sich fast nur per Telefon oder per E-Mail mit Getöse, spricht aber keine Drohungen aus.» In einer Mail an Regierungsrat Mario Fehr habe er geäussert, er würde nie Gewalt anwenden; seine einzige Waffe sei das Wort.

Die NZZ würzt den Artikel mit einer Expertenmeinung. Allerdings nicht mit einer Expertenmeinung zu den eingangs aufgeworfenen Fragen sondern zur Gefahr, die vom Urheber des Emails ausgehen könnte:

Zur Vorsicht mahnt hingegen der renommierte, auf Gewaltschutz spezialisierte Kriminalpsychologe Jens Hofmann aus Darmstadt. «Leute, die über Jahre hinaus mit Beschimpfungen auffallen, können kippen und gewalttätig werden», sagt er. Diverse Fälle aus der Vergangenheit belegten dies.

Dass Leute, die über Jahre hinaus mit Beschimpfungen auffallen, ohne am Tourette-Syndrom zu leiden, gewalttätig werden könnten und dies «diverse Fälle aus der Vergangenheit belegten», liegt auf der Hand: Denn Beschimpfungen spiegeln Aggression und unter Umständen mangelnde Selbstkontrolle. Da liegt es nahe anzunehmen, dass solche Leute auch einmal gewalttätig entgleisen könnten. Und es liegt auch nahe, dass diverse Fälle aus der Vergangenheit dies belegen. Bloss der Umkehrschluss, dass eine Person, die einen Hang zu Verbalinjurien oder auch nur vierschrötiger, vulgärer Sprache hat, automatisch auch eher gewalttätig werde, ist unzulässig.
Es wäre zudem interessant, welchen Anteil Personen, die über Jahre hinaus mit Beschimpfungen auffallen, statistisch an der Gesamtzahl an Gewalttaten haben, ob sie proportional zu ihrem Anteil an der Bevölkerung oder, wie Menschen mit Migrationshintergrund, überproportional in die Gewaltstatistik eingehen; auch welches Ausmass eine allfällige Überproportionalität erreicht, wäre nicht ganz uninteressant, um zu klären, um wie viel Personen, die gewohnheitsmässig Beschimpfungen austeilen, wirklich gefährlicher sind. Dazu zitiert die NZZ ihren «renommierten, auf Gewaltschutz spezialisierten Kriminalpsychologen» aber wieder nicht. Leider genügt seine Aussage, unter Gewalttätern gebe es auch Personen, die zuvor Jahre lang mit Beschimpfungen aufgefallen seien, nun einmal aber nicht wissenschaftlichen Ansprüchen, um den Schluss zu ziehen, von solchen Personen gehe statistisch ein erhöhtes Risiko einer Gewalttat aus. Offensichtlich geht es Kriminalpsychologe Jens Hofman aus Darmstadt aber auch nicht um eine wissenschaftlich fundierte Aussage sondern darum, einem «kontinuierlichen Bedrohungsmanagement», das ihm als Kriminalpsychologen luktrative Aufträge verheisst, das Wort zu reden, also seine wirtschaftlichen Eigeninteressen zu vertreten. Die NZZ lässt ihn entsprechend zu Wort kommen:

Solche Querulanten als ungefährliche Spinner abzutun, sei falsch. Stattdessen brauche es ein kontinuierliches Bedrohungsmanagement – die Dynamik der Fälle müsse gezielt im Auge behalten werden.

Wohlwollend versucht die NZZ im diesen Zitaten folgenden Abschnitt auf den von Jens Hofman in Fahrt gebrachten Zug aufzuspringen: Die Begründung von Staatsanwalt Patrick Zanolla, warum auf die Anzeige nicht einzutreten sei, überrasche. Darauf zitiert sie Staatsanwalt Zanolla:

Eine Beschimpfung im Sinne einer Ehrverletzung liege nicht vor, da die in der Mail gewählten Kraftausdrücke wie «hirnamputierter Waschlappen», «gottverdammtes Drecksschwein» und «Abschaum der Menschheit» einen klaren Bezug zur Parteizugehörigkeit und zu der kantonsrätlichen Funktion Zanettis hätten. Sie zielten zudem einzig darauf ab, den SVP-Kantonsrat als Politiker herabzusetzen. Die Absicht, ihn auch als ehrbaren Menschen zu disqualifizieren, sei nicht erkennbar. Auch im zürcherischen Parlament werde zudem nicht immer das gepflegte Wort verwendet. Eine schwere Drohung im Sinne des Strafgesetzbuches liegt für Zanolla nicht vor, weil die Formulierung, Leute wie Zanetti gehörten an die Wand gestellt und den Fischen zum Frass vorgeworfen, sehr vage sei.

Laut NZZ könne sich Zanetti hingegen die Verfahrenseinstellung «nur mit Faulheit oder mit politischen Gründen» erklären, während die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich – es ist nicht anders zu erwarten – politische Motive dementiere und auf den Rechtsweg verweise. Zanetti beklage, «dass die Kantone seit tragischen Fällen wie dem Amoklauf Fritz Leibachers den Gewaltschutz zwar grossschrieben, bei konkreten Bedrohungen wie in seinem Fall die Betroffenen aber alleine liessen».
Den Braten gerochen habe auch Martin Boess, Geschäftsleiter der von der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD) getragenen «Schweizerischen Kriminalprävention». Laut diesem belege der Fall die Wichtigkeit eines «interkantonalen Bedrohungsmanagements» – was auch immer man sich darunter konkret vorzustellen hat, eines ist gewiss: die Zugfahrt geht in Richtung mehr Überwachung und Kontrolle. Danke, Zanetti, das Ganze wegen einer tuntigen Anzeige?

Sicherheit erhöhen ohne Bürgerrechte einzuschränken

Wie oben bereits gesagt, wäre es Zanetti Unrecht getan, ihn wegen der Anzeige als «tuntig» zu diffamieren. Auf der einen Seite stehen die Freiheitsrechte, konkret Meinungs- und Äusserungsfreiheit, das demokratische Erfordernis, politische Fehlleistungen beim Namen nennen zu dürfen, vielleicht einmal auch diffamierend, herabsetzend, vernichtend, Politiker, einschliesslich Richter, bei Fehlleistungen öffentlich zur Abwahl empfehlen zu dürfen, im Rahmen des gesetzlich Zulässigen auch mal ätzende Negativkampagnen gegen sie fahren zu dürfen. Auf der anderen Seite steht das universale Menschenrecht auf Unversehrtheit, Sicherheit. Dass es in diesem Spannungsfeld immer wieder einmal zu «Missverständnissen» kommt, ist unvermeidlich.
Zanetti läuft aber Gefahr, seine ungelenke Intervention könnte als Versuch gedeutet werden, mehr Privilegien für Politiker und Behörden herauszuschlagen, mehr Sicherheit für Politiker und Behörden auf Kosten der Grundrechte einfacher Bürgerinnen und Bürger, die gleichzeitig in einer vergleichbaren Situation, in der sich Zanetti wiederfindet, von den Behörden wohl genauso im Stich gelassen würden wie er heute.
Es kann hier nicht darum gehen, Präventivjustiz einzuführen – schon die Strafjustiz begeht Fehler genug, nicht auszudenken, was noch mehr Fehler im Rahmen einer zusätzlichen Präventivjustiz für die Opfer der Justizirrtümer bedeuten. Es muss darum gehen, eindeutige Bedrohungssituationen rasch und effizient eliminieren zu können, und zwar zugunsten von Bürgerinnen, Bürgern, Politikerinnen, Politikern und Behörden gleichermassen. Dass dies nicht in jedem Fall möglich ist, ist rein technisch einleuchtend: Ein totaler Überwachungsstaat wäre nötig, um jedes Risiko auszuschliessen.

Das Problem der politischen Forderungen nach mehr Polizei, mehr Überwachung und mehr Präventivjustiz ist, dass dieses Mehr nie den Bürgerinnen und Bürgern zugute kommt sondern eine Selbstbedienung des politischen und behördlichen Establishments im Bereich der Sicherheit darstellt, während einfache Bürgerinnen und Bürger sich selbst überlassen bleiben. Auch gibt es zahllose Bestrebungen, die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger abzubauen: immer wieder gibt es politische Vorstösse zur Einschränkung des Rechts auf Waffenbesitz. Es geht also darum, Sicherheit zu erhöhen, ohne Bürgerrechte unnötig einzuschränken.

Die grösste Gefahr eines aufgeblähten präventivjuristischen Apparats liegt aber in seinem Missbrauchspotential, in der Einschüchterung der Menschen, ihre politische Meinung frei zu äussern, weil sie Angst haben, für eine unbequeme, kritische Minderheitsmeinung als «Querulanten» gebrandmarkt zu werden. Aber genau darum, diese Angst zu schüren, geht es ja auch, zumindest einem Teil der Befürworter von mehr Überwachung. Darum wird von gewissen Leuten auch jede noch so lächerliche Gelegenheit genutzt, um die Gefahr von gemeingefährlichen Querulanten zu beschwören. Einem anderen Teil dieser Leute geht es auch einfach um ein lukratives Geschäft, fürstlich honorierte Gutachten und Expertisen (auf Kosten der Steuerzahler), die mehr staatliche Prävention und Überwachung versprechen.

Dass Claudio Zanetti durch das Email des Campers in Angst und Schrecken versetzt wurde, ist gut vorstellbar. Aber: von Staat, Justiz und Polizei werden noch manche Bürgerinnen und Bürger ähnlich hängen gelassen wie er.
Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich ist gut beraten, juristisch korrekt zu arbeiten. Streng genommen liegt im Email an Zanetti tatsächlich keine Drohung vor, es liegen offenbar diverse wirklich üble Beschimpfungen vor, die eine Verurteilung wegen Ehrverletzung auch begründen würden, würden sie sich auf die Person Zanettis und nicht den Politiker Zanetti beziehen.
Persönlich finde ich, dass es keinen Sinn ergibt, einen Politiker mit einer derart abschätzigen Meinung unter vier Augen zu konfrontieren – Sinn ergäbe einzig eine öffentliche Negativkampagne. Dass mit einer Kampagne, die einen Politiker als «gottverdammtes Drecksschwein» bezeichnet, die Herzen der Wählerinnen und Wähler aber kaum zu erreichen sind, ist jedem Menschen, der bei gesundem Verstand ist, klar. Dass sich der Urheber des Emails mit derartigen Herabsetzungen direkt an Zanetti wandte, deutet schon an, dass er die Nerven verloren hatte und ausser Rand und Band dieses Email verfasste und auch abschickte. Früher hätte bei solchen Leuten, die diverse Amtsstellen mit ungehörigen oder gar drohenden Emails eindecken, einfach ein Psychiater vorbeigeschaut und nach dem Gemütszustand gefragt – heute ist das anscheinend nicht mehr möglich. Warum eigentlich?

Aus journalistischer Sicht interessant wäre übrigens auch das Menschenschicksal des 61jährigen Urhebers des inkriminierten Emails und seine Beweggründe, Politiker derart unflätig anzugehen. Aber das Interessiert eine NZZ wohl nicht die Bohne, oder? Na ja, immerhin hat sie die bewegten Umstände des Emailschreibers im Artikel, sparsam in einem Satz, einleitend skizziert.

Der Titel «Macht SVP-Kantonsrat Zanetti neu auf Tunte?», ich gebe es gerne zu, sollte provozieren – vor allem aber Humor beweisen. Denn auf Twitter fragte Zanetti vor einigen Monaten, ob @f3ldst3ch3r Humor hat. Natürlich, wie schon damals gesagt: daran mangelt es hier sicher nicht. Was nun auch noch der Titel klarstellt.🙂

Interessant wären in Zusammenhang mit diesem Fall unter dem Strich noch diese Fragen: Welche Personen erhalten unter was für Umständen polizeilich Personenschutz und wie hoch sind die jährlichen Ausgaben des Kantons Zürich und seiner Steuerzahler dafür?
Es ist dies eine Frage, die Zanetti schon vor längerer Zeit in seiner Funktion als Kantonsrat per Twitter gestellt wurde, die er bisher jedoch noch nicht beantwortet hat. Vielleicht erfährt er ja was im Zuge der Auseinandersetzung mit diesem Fall?

Dieser Beitrag wurde unter Absurd, Behörden, Justiz, Politik, Polizei, Schweiz, Sicherheit, Zürich abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s