Polizeifoto Strehle oder wenn Interna nicht sicher sind

Laut Res Strehle, Chefredakteur des “Tages-Anzeigers”, sei durch ein Leck im Apparat der Stadtpolizei Zürich ein “Mugshot” von ihm in die Hände der “Weltwoche” (WeWo) gefallen. Die Aufnahme sei 30 Jahre alt und anlässlich einer Verhaftung angefertigt worden. Anscheinend genüsslich verbreitete die WeWo Bild und Kunde von Strehles früheren Umtrieben in der Ausgabe Nr. 6.

Das Ereignis, in dessen Zusammenhang Strehle verhaftet wurde, liegt lange zurück. So lange, dass eine rechtskräftige Verurteilung, zu der es laut Strehle nicht gekommen ist (“ich halte fest, dass ich an keiner der im Artikel erwähnten Gewalttaten beteiligt war, auch nicht am Rande”), längst aus dem Strafregister gelöscht wäre. Dass auch eine Straftat, die nicht gerichtlich festgestellt worden wäre, nach Schweizer Recht längst verjährt wäre. So oder so: kalter, lange abgestandener Kaffee. Trotzdem greift die WeWo die Story auf, als wäre sie brandaktuell. Weshalb? Sensationsjournalismus? Die Antwort darauf gibt der betreffende WeWo-Artikel selbst.

Im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht an dieser Stelle aber das Leck, durch welches das Polizeifoto von Strehle zur WeWo gespült wurde. Es erinnert an die Affäre Nef, die ebenfalls durch ein Leck im Polizeiapparat ausgelöst wurde. Auch das in der “Tribune de Genève” publizierte Fahndungsfoto von Hannibal Gaddafi fand durch ein Leck den Weg an die Öffentlichkeit.
So groß der Unterhaltungswert von “Mugshots” bekannter Persönlichkeiten sein mag, so gering ist ihr Nachrichtenwert aus rein journalistischer Sicht. Es handelt sich bei nicht in Zusammenhang mit einer Fahndung sondern zur Illustration einer Person veröffentlichten polizeilichen Fahndungsfotos eindeutig um sensationalistisches Bildmaterial, das einzig einer geistig weniger anspruchsvollen Leserschaft Unterhaltung verspricht und somit der Auflage zudient.

Problematisch sind Lecks allemal, ganz grundsätzlich: sie beweisen jedes Mal, dass vertrauliche Interna bei der betreffenden Behörde nicht sicher sind.

Es lässt sich anführen, dass die Presse auf Lecks, durch die sie Informationen erhält, die tatsächlich von öffentlichem Interesse sind, angewiesen ist und dass dank Lecks Informationen, die durchaus an die Öffentlichkeit gehören, ihren Weg an die Öffentlichkeit auch erst finden. Wann eine Information tatsächlich von öffentlichem Interesse ist und eine Indiskretion zugunsten der Öffentlichkeit also gerechtfertigt erscheint, lässt sich von Fall zu Fall diskutieren.
Es bleibt nicht viel als die Hoffnung, dass potentielle Lecks und ebenso Journalisten, denen vertrauliche Informationen zugespielt werden, Augenmaß und gesunden Menschenverstand genug haben, wirklich sensible Informationen, die für die Öffentlichkeit keine Relevanz haben oder deren Geheimhaltung im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit das öffentliche Interesse an ihnen überwiegt, unter Verschluss zu halten. Denn jedes Mal, da aus einer Polizeiorganisation publikumswirksam vertrauliche Informationen abfließen, zucken womöglich Menschen, zu deren Nachteil Delikte, welche sensible Bereiche der Persönlichkeit, Privat- und Geheimsphäre in massiver Weise verletzen (beispielsweise sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Erpressung), verübt wurden und die diese Delikte bei der Polizei angezeigt haben, zusammen, als wären sie seelisch gerade wieder einmal getasert worden: Wer garantiert, dass ihre Daten sicher sind?

Die rechtswidrige Weitergabe von vertraulichen Informationen ist auf die Situation des rechtfertigenden Notstands beschränkt. Die Veröffentlichung des Polizeifotos von Strehle erscheint nicht geeignet, eine einen rechtfertigenden Notstand vermittelnde Gefahr abzuwenden, zumal eine Gefahr gar nicht erst auszumachen ist. Es sei denn, man würde mit einer Gefahr durch “linke Subversion” und auch damit argumentieren, dass die Erhellung des politischen Hintergrundes von Res Strehle, der als Chefredakteur des “Tages-Anzeigers” tatsächlich einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung hat, geeignet sei, die subversive Gefahr zu beseitigen oder einzudämmen. Zur Erhellung des politischen Hintergrunds von Res Strehle bedarf es allerdings keines Polizeifotos. Ein Interview hätte wohl genügt. Der Unterhaltungswert des Fotos alleine rechtfertigt die Publikation nicht, schon gar nicht die Indiskretion aus Polizeikreisen.

Wie ist mit Lecks zu verfahren?

  • Lecks, die in guten Treuen und in erwiesenem Notstand vertrauliche Informationen geistesgegenwärtig weitergeben, handeln korrekt und verdienen Respekt für ihre Courage.
  • Lecks hingegen, die aus niederen Motiven heraus vertrauliche Informationen verraten, Verräter also, sind zu jagen und zu erledigen. Falls nötig bis an ihr Lebensende.

Im Fall Strehle schadet das Leck einzig der Vertrauenswürdigkeit der Polizei. Es ist sich natürlich zweimal zu überlegen, ob sensible Informationen bei Schweizer Polizeiorganisationen sicher sind, wenn die Weitergabe von Polizeifotos und -akten zur Schweizer Folklore wird. Die Schwierigkeit liegt darin, Lecks zu identifizieren. Im Fall Strehle könnten WeWo-Journalisten weiterhelfen. Auf welche Befragungsmethode sie wohl positiv ansprechen? Taser? Was für eine Frage. Sie werden sich auf Pressefreiheit und Quellenschutz berufen. Und schaden der Presse doch immer wieder mit unethischen Methoden und Sensationalismus.

Von der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich ist zu erwarten, dass sie Lecks jagt wie der Kammerjäger Ratten. So auch dieses. Die Ratten im Archiv der Stadtpolizei Zürich. Generalpräventiv.

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