Causa Mörgeli: eine linke Verschwörung?

Nach dem Rauswurf von Christoph Mörgeli herrscht Ernüchterung. Die Universität Zürich trennte sich von ihrem langjährigen Konservator. Das Medizinhistorische Museum sei in einem schlechten Zustand. Nicht so sehr im öffentlichen Bereich. Die Dauerausstellung sei zwar veraltet und teilweise inhaltlich inkorrekt. Viel mehr zu reden gab aber die nicht-öffentliche Objektsammlung. Laut Rektor Andreas Fischer befindet sich diese “in einem desolaten Zustand”.

Noch ist vieles unklar. Mörgeli räumte laut dem “Sonntag” ein, dass es im Institut “ein klimatisches und ethisches Problem” gibt. Die Medien kolportierten, menschliche Überreste seien Ungeziefer und Fäulnis ausgesetzt. Mörgeli habe als Konservator des Museums versagt. Seinen Job als Konservator ist denn auch los. Seine Stelle als Titularprofessor darf er behalten.

SVP wittert linke Verschwörung

Die SVP wittert eine linke Verschwörung. Christoph Blocher sagte den Medien, die Universitäten seien links unterwandert. Dies gelte besonders für die philosophische Fakultät.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in Akademikerkreisen anscheinend linke Haltungen überdurchschnittlich oft anzutreffen sind. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese Haltungen aber nicht als durchdachte, authentische politische Überzeugungen, sondern um eine Haltung, die aus Opportunitätsgründen zur Schau gestellt wird und keineswegs innerer Überzeugung entsprechen muss. Mode sozusagen. Zudem werden – bei weitem nicht nur in Akademikerkreisen – linke politische Programmpunkte mit Moral verwechselt. Viele Menschen, die anscheinend linke Standpunkte vertreten, haben vom System des Sozialismus, von seinen Zielen und Prinzipien zwar nichts verstanden, moralisieren aber aus dem Bauch heraus, was sie und viele andere Menschen als “links” verstehen. Auffallend viele sogenannte “Linke” geben sich ausgeprägt moralistisch, würden einer Überprüfung der politischen Compliance, wenn es diese denn im Sinn einer sozialistischen Partei gäbe, aber nicht standhalten.
Dass die philosophische Fakultät eine Domäne solcher “Linken” ist, ist allseits bekannt. Ebenfalls den meisten persönlich bekannt ist die “absolutistische Intoleranz”, von der Blocher spricht. Doch geht diese absolutistische Intoleranz weniger auf das Konto wirklicher Sozialisten und Kommunisten – diese sind in unserer Gesellschaft nämlich ihrerseits einer massiven Intoleranz und Diskriminierung ausgesetzt, und zwar nicht nur von der Rechten sondern auch von der Mitte. Sie geht auf das Konto jener Moralisten, die ihren Moralismus tatsächlich absolutistisch über alles erheben, was die absolutistische Intoleranz zur Folge hat. Zu allem Unglück wollen sie oft diesen Moralismus als “links” verstanden wissen, und ebenso oft verstehen ihn andere auch tatsächlich als “links”. Was das Unglück perfekt macht. Da solche “Linke” ihre Meinung nicht rational auf sozialistischer Doktrin aufbauen sondern emotional auf ihren Moralvorstellungen, die zudem oft – nolens volens? – stark christlich geprägt sind, sind sie nicht in der Lage, politische Diskussionen zu führen und andere politische Haltungen zu respektieren. Stattdessen führen sie, moralinsauer angetrieben, emotionale Glaubenskriege gegen Andersdenkende, verteidigen mit absolutistischer Intoleranz ihre rational nur schwer fassbaren, vor allem emotional manifestierten “Moralvorstellungen”. Solche Leute sind aber weder Sozialisten noch Kommunisten, auch wenn die große Mehrheit der vermeintlichen “Linken” sich gerade aus solchen Leuten zusammensetzt, auch wenn sich solche Leute vornehm an einer philosophischen Fakultät tummeln.
Wenn man bei solchen Leuten wirklich genau hinsieht, erkennt man, dass es unter dem roten Anstrich auch nicht wirklich um Moral sondern hinter dieser Maske fast ausschließlich um sich selbst und den eigenen Vorteil geht. Sie führen so gesehen auch keine Glaubenskriege sondern einfach den Ellbogenkrieg im täglichen Konkurrenzkampf um Vorteile. Wie alle anderen auch. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht, auch Politik und “Moral”. Im Rudel mit Gleichgesinnten unter dem Vorwand politischer Gesinnung oder mit erhobenem Moralfinger, getrieben aber eigentlich von reinem Egoismus, über Andersdenkende herzufallen, ist nur eine Möglichkeit von vielen, Konkurrenten im täglichen Konkurrenzkampf um Überlebensvorteile an die Wand zu drücken. Politisch ist daran aber nicht das Geringste. Moralisch auch nichts. Darwinistisch ist daran umso mehr.

Auch Gorillas sind Wissenschaftler

Nun wurde Mörgeli nicht offiziell aus politischen Gründen an die Wand gedrückt. Im Gegenteil, ein politischer Hintergrund seiner Entlassung wird seitens der Universität Zürich heftig bestritten. Es geht um die (wissenschaftliche) Qualität seiner Arbeit als Konservator. Einen politischen Hintergrund auch nur anzudeuten, könnte sich die Universität Zürich nicht leisten, weil ihre wissenschaftliche Reputation dadurch einen nur langfristig wieder wettzumachenden Schaden erlitte. Selbst wenn es einen politischen Hintergrund zu geben schiene, käme unter dem roten Anstrich rasch ein ganz anderes Motiv zum Vorschein: “Brotkorbterror”, wie Mörgeli selbst so schön sagte. Futterneid. Und mehr: Es ist ein Machtkampf, wie er dem Sozialverhalten diverser Hominiden entspricht. Mörgeli erhielt 2011 mit Flurin Condrau einen neuen Chef. Ähnliche Umstände wären anzutreffen, wenn der Zoo Zürich ein neues, dominantes Gorillamännchen in die bestehende Gorillagruppe integrieren würde. Es käme unweigerlich zu Machtkämpfen zwischen dem neuen und den angestammten Männchen. Dieser Machtkampf wurde am medizinhistorischen Institut der Universität Zürich, artgerecht, mit wissenschaftlichen Bandagen geführt: Condrau obsiegte, Mörgeli musste den Hut als Konservator nehmen. Nein, einen politischen Hintergrund hat die Causa Mörgerli nicht. Sie hat letztlich, wie alles in unserer Lebenswelt, einen ganz einfachen darwinistischen Hintergrund. Übrigens gibt es auch unter den Gorillas Wissenschaftler, wie das folgende Video des Calgary-Zoos zeigt:

Gorilla-Wissenschaftler bei der Arbeit

 

Aufmerksamkeit für Mörgeli

Man kann sich fragen, ob bei einem anderen Konservator mit dem gleichen Problem gleich oder ähnlich verfahren worden wäre wie bei Mörgeli:

  • Dass Indiskretionen über eine mögliche unrühmliche Entlassung bereits im Voraus an die Medien gelangten, hat zweifellos einen politischen Hintergrund. Christoph Mörgeli ist SVP-Nationalrat und genießt als nationale Größe mehr Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit als gewöhnliche Universitätsprofessoren. Unter diesen Vorzeichen vermag die Publikation nicht zu erstaunen, schon gar nicht zu empören, auch wenn die Quelle rechtswidrig handelte.
  • Zu empören vermag hingegen die Indiskretion unter dem Gesichtspunkt, dass sie ohne jeden Zweifel politisch oder sogar persönlich motiviert gewesen sein muss.

Ob ein anderer Konservator mit dem gleichen Problem wie Mörgeli auch entlassen worden wäre, lässt sich schließlich von außen nicht beurteilen.

Man darf sich durchaus auch fragen, ob vergleichbare Probleme an anderen Instituten und Fakultäten gleich scharf sanktioniert würden wie Mörgelis Problem mit der Objektsammlung des medizinhistorischen Museums. Ein Beispiel nur: Wieviele Richter, in den meisten Fällen lizenzierte Juristen, wursteln Jahrzehnte lang vor sich hin, verursachen Fehler, die in manchen Fällen von übergeordneten Instanzen korrigiert werden müssen, teilweise mit verheerenden Folgen für die Betroffenen, ohne dass die Fehlleistungen Konsequenzen für die Laufbahn der Richter zeitigen würden? Wieviele Richter lassen sich Ethikverletzungen zuschulden kommen, die nicht wie die bekannt gewordenen Ethikprobleme des medizinhistorischen Instituts Entlassungen zur Folge haben? Wieviele dieser Verfehlungen finden den Weg nie an die Öffentlichkeit? Deshalb: Wurde an Mörgeli und den Missständen um das medizinhistorischen Museum nicht ein Exempel statuiert, das andere Fakultäten beziehungsweise ihre Abgänger viel dringender nötig hätten?

Illoyalität, eine natürliche Reaktion

Als ob Universitätsrektor Andreas Fischer die Frage, ob an Mörgeli ein Exempel statuiert wird, geahnt hätte, betonte er, dass Mörgelis Illoyalität gegenüber der Universität und Flurin Condrau mit ein Grund für die Entlassung sei. Diese Illoyalität sollte jedoch nicht überbewertet oder überbetont werden. Denn Mörgeli hatte nach der Indiskretion und dem dadurch verursachten Wirbel um seine Person das gute Recht, sich genauso öffentlich zu den öffentlich gemachten Vorwürfen gegen ihn zu äußern, und zwar frei von der Leber weg. Um dies einzusehen, muss man nicht einmal Jurist sein. Es genügt vollauf, ein Mensch zu sein. Wer mit Mörgelis Reaktion ein Problem hat, hat dafür wahrscheinlich tatsächlich ein “politisches” Motiv.
Mörgelis Anwalt, Valentin Landmann, vermutet, die Indiskretion habe mitunter dem Zweck gedient, Mörgeli zu unbedachten Äußerungen zu provozieren, um ihn dann unter dem Vorwand solcher Äußerungen zu entlassen. Wer Mörgeli kenne, habe absehen können, dass und wie dieser auf die Indiskretion reagieren würde, sagte Landmann dem “Sonntag”. Jemandem derart auf die Füße zu treten, dass er sich entsprechend wehrt und man ihn damit vorführen kann, ist ein alter – und aus ethischer Sicht wirklich übler – Juristentrick. Mörgelis Reaktion und Äußerungen waren aber auch abgesehen davon weder problematisch noch illoyal. Sie entsprachen im Übrigen einer durchaus natürlichen menschlichen Reaktion auf die Indiskretion. Als Entlassungsgrund können sie nicht geltend gemacht werden. Wer sie als Entlassungsgrund anführt, weist damit nur die eigene Aversion gegen Mörgeli nach – und eine gewisse menschliche Unreife und Perfidie. Wer sie anführt, setzt sich dem Verdacht aus, Gründe für eine Entlassung zusammensuchen oder gar künstlich schaffen zu müssen.

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