Ein letztes Wort zur kulturellen Barbarei

Der Schweizer Presserat hat sich mit der Beschwerde gegen die vom “Blick” gefahrene “Petarden-Trottel”-Kampagne befasst. Im Entscheid 3/2012 heissen vier Frauen und ein Mann im Namen des Presserats die Beschwerde teilweise gut: die Privatsphäre des als “Petarden-Trottel” porträtierten wurde unverhältnismässig verletzt. Jedoch wollen sie keine Verletzung der Menschenwürde erkennen. 

Die Stellungnahme des Presserats befasst sich so gut wie nicht mit dem Bildmaterial der “Petarden-Trottel”-Kampagne. Gerade aber dieses hatte es in sich. Nicht nur die Bezeichnung “Petarden-Trottel” war herabwürdigend. Auch das Bildmaterial warf gröbere Fragezeichen auf. Zum Beispiel die Anspielung auf den Verlust von Fingern (Link aufrufen, um Foto und zugehörigen Text anzusehen).

Obwohl der Presserat sich nur am Rand mit den vom “Blick” veröffentlichten “Petarden-Trottel”-Fotos auseinandersetzte, schloss er in seinem Entscheid eine Verletzung des journalistischen Ehrenkodexes durch die Publikation von Bildern aus:

“Und ebenso wenig hat ‘Blick’ in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht, welche im Sinne der Richtlinien 8.3 und 8.5 zur ‘Erklärung’ die Menschenwürde des Opfers und seiner Angehörigen missachten.” (Ziff. 3 lit. c der Erwägungen)

Werfen wir einen Blick in die “Erkärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten” sowie die zugehörigen “Richtlinien” des Schweizer Presserats:

“Sie respektieren die Menschenwürde und verzichten in ihrer Berichterstattung in Text, Bild und Ton auf diskriminierende Anspielungen, welche die ethnische oder nationale Zugehörigkeit, die Religion, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Krankheiten sowie körperliche oder geistige Behinderung zum Gegenstand haben. Die Grenzen der Berichterstattung in Text, Bild und Ton über Kriege, terroristische Akte, Unglücksfälle und Katastrophen liegen dort, wo das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen nicht respektiert werden.” (Ziff. 8 der Pflichten)

“Autorinnen und Autoren von Berichten über dramatische Ereignisse oder Gewalt müssen immer sorgfältig zwischen dem Recht der Öffentlichkeit auf Information und den Interessen der Opfer und der Betroffenen abwägen. Journalistinnen und Journalisten sind sensationelle Darstellungen untersagt, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren. Als sensationell gilt insbesondere die Darstellung von Sterbenden, Leidenden und Leichen, wenn die Darstellung in Text und Bild hinsichtlich detailgetreuer Beschreibung sowie Dauer und Grösse der Einstellungen die Grenze des durch das legitime Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit Gerechtfertigten übersteigt.” (Ziff. 8.3 der Richtlinien)

“Fotografien und Fernsehbilder von Unglücksfällen, Katastrophen und Verbrechen müssen die Menschenwürde respektieren und darüber hinaus die Situation der Familie und der Angehörigen der Betroffenen berücksichtigen. Dies gilt besonders im Bereich der lokalen und regionalen Information.”  (Ziff. 8.3 der Richtlinien)

“Blick” publiziert ein Foto des Verletzten, auf welchem dessen Hand und deutlich drei Finger zu sehen sind. “Blick” stellt im Bildtext trocken fest:

“Kein aktuelles Bild: Da hatte Jogi B. noch alle Finger.”

Die entscheidende Frage ist, ob “Blick” dadurch in diskriminierender Weise auf körperliche Behinderung anspielt, ob diese Anspielung diskriminierend ist, ob die Anspielung auf eine körperlichen Behinderung durch die Feststellung, dass das Bild nicht aktuell ist, weil der Verletzte darauf “noch alle Finger” hat, diskriminierend ist.

Die Diskussion muss sich einerseits um die Bedeutung des Begriffs der Diskriminierung drehen. Der Presserat argumentiert bezüglich Diskriminierung in seiner Stellungnahme 3/2012:

“Der Presserat weist in seinen Stellungnahmen zum Diskriminierungsverbot und zur Menschenwürde (vgl. zuletzt die Stellungnahme 47/2011 mit weiteren Hinweisen) konstant darauf hin, dass die abwertende Äusserung gegen eine Gruppe oder ein Individuum eine Mindestintensität erreichen muss, um als herabwürdigend oder diskriminierend zu gelten. Nur dann verletzt sie Ziffer 8 der ‘Erklärung’.” (Ziff. 3 lit. b der Erwägungen)

Es stellt sich andererseits die Frage, wie die “Mindestintensität” einer abwertenden Äusserung beschaffen ist, damit diese in der Meinung des Schweizer Presserats als herabwürdigend oder diskriminierend gilt. Fest steht jedenfalls, dass der Presserat diese “Mindestintensität” in der “Petarden-Trottel”-Kampagne nicht erreicht sehen will. Insbesondere geniesst die Kommentarfreiheit für den Presserat besondere Bedeutung:

“Die Bezeichnung ‘Petarden-Trottel’ ist zwar für den Betroffenen hart, sie bewegt sich aber innerhalb der Kommentarfreiheit, der ein grosser Freiraum zuzugestehen ist.” (Ziff. 3 lit. c der Erwägungen)

Auf das oben genannte Bild und die Bildunterschrift geht der Presserat in seinen Erwägungen jedoch mit keinem Wort ein. Dies ist erstaunlich, zumal gerade diese Darstellung einer Behinderung m. E. die Grenze der tragbaren Geschmacklosigkeit weit überschreitet und gegenüber dem Porträtierten eine sehr negative Einstellung, die sich denn auch in den ausdrücklich gerügten Aspekten der “Blick”-Berichterstattung spiegelt, erkennen lässt. Im Gesamtzusammenhang steht es ausser Zweifel, dass die Herabwürdigung durch die Anspielung auf körperliche Behinderung mit der Feststellung, das Foto sei nicht aktuell, weil der Verletzte darauf noch alle Finger hat, beabsichtigt war, eine weitere Missachtung des Porträtierten. Allerdings nicht nur des Porträtierten, die Despektierlichkeit könnte theoretisch jeden Menschen mit einer Behinderung vor den Kopf stossen. Sie lässt jede Sensibilität gegenüber körperlicher Behinderung vermissen. Dass der Presserat hierin die von ihm geforderte “Mindestintensität” noch immer nicht erreicht sieht, ist schon durchaus diskutabel. Dass er diesen Aspekt der “Blick”-Berichterstattung in seinen Erwägungen aber nicht einmal mit einem einzigen Wort würdigt, ist sogar sehr befremdlich, da ja gerade auch dieses Bild mit seinem Text offensichtlich inakzeptabel war.

Nimmt man hypothetisch an, dass die Presseratsmitglieder die geforderte “Mindestintensität” darin nicht erreicht sehen und auch die Geschmacklosigkeit, mit der auf eine körperliche Behinderung angespielt wird, nicht erwähnenswert finden wollen, weil sie der Kommentarfreiheit “grossen Freiraum” zugestehen wollen, ist darauf hinzuweisen, dass die Funktion des Presserats eine andere als die der Justiz ist.

Der Presserat kann, darf, soll und muss über Medienethik wachen. Er kann, darf und soll die Grenze des im Rahmen der Kommentarfreiheit medienethisch Zulässigen enger ziehen als die Justiz. Die Justiz zieht strafrechtlich die äusserste Grenze des Zulässigen. Als Wächter über die Ethik der Schweizer Medien ist zu erwarten, dass der Presserat die Grenze des Zulässigen rigider zieht als die rein juristische, dass er von den Medien effektiv den gesellschaftlich notwendigen Minimalanstand klar einfordert, der die Gesellschaft davor bewahrt, in kulturelle Barbarei zu verfallen. Ethische Grenzen dürfen durchaus enger gesetzt werden als rein juristische.

Der Mangel an Sensibilität, die Despektierlichkeit und die damit durchscheinende sehr negative Einstellung des “Blicks” bezüglich der als “Petarden-Trottel” porträtierten Person, die gesamthaft in der “Berichterstattung” erkennbar war, kommt besonders deutlich im Bildtext zum oben genannten Bild zum Tragen. Die Empathielosigkeit, die feststellt, dass das Bild “kein aktuelles” ist, weil der Verletzte darauf noch alle Finger hat, trifft jedoch nicht nur diesen. Der Text ist geeignet, jede körperlich behinderte Person zu tangieren. Die negative Einstellung des “Blicks” gegenüber dem Porträtierten trifft potentiell auch andere. Die Frage ist nun, wie sie trifft.

Wie “Blick” auf den Porträtierten zugeht, ihm begegnet, ist an Empathielosigkeit und Despektierlichkeit kaum zu überbieten. Die Verachtung kommt klar zum Ausdruck. Aber begegnet man so einem Menschen, wenn man ihn als Menschen wahrnimmt? Nein. Da “Blick” wie oben ausgeführt potentiell weitere, unbeteiligte Personen trifft, lässt sich die Frage in dieser Hinsicht wiederholen. Und erneut verneinen. Die Verachtung eines körperlich Verletzten lässt jede Menschlichkeit vermissen. Sie degradiert dadurch den Verachteten zum Objekt. Gegenüber Objekten ist Empathielosigkeit nichts besonderes, eigentlich normal. Rufen wir uns die Richtlinien des Presserats in Erinnerung:

“Journalistinnen und Journalisten sind sensationelle Darstellungen untersagt, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren.”

Die Degradierung zum blossen Objekt ist schon durch die Gesamtheit der “Blick”-Darstellung des als “Petarden-Trottel” Diffamierten gegeben. Im Besonderen aber durch den Mangel an Sensibilität, durch die Despektierlichkeit, die Empathielosigkeit, die deutlich andeuten, dass die “Blick”-Verantwortlichen den Porträtierten als Objekt wahrgenommen haben. Die unverhohlen negative Einstellung, die “Blick” gegenüber dem Porträtierten erkennen lässt, und ihre Intensität macht alleine schon diesen zum Objekt, zum Objekt des Hasses der Sportredaktion des “Blicks”. Unschön ist, dass mit oben genanntem Bild und dem dazugehörigen Text auch andere, unbeteiligte Personen sich wie ein Objekt behandelt fühlen könnten. Noch unschöner ist nur, dass dem Schweizer Presserat die Sensibilität abgeht, dies wahrzunehmen, und er auf die Erwähnung des betreffenden Bildes und dem zugehörigen Text sogar gänzlich verzichtet.

Darüber hinaus suggeriert “Blick” mit der Quellenangabe “zvg”, dass das Bild zur Verfügung gestellt worden sei. Der Abgebildete ist zwar mit Augenbalken anonymisiert, aufgrund der übrigen “Blick”-Berichterstattung jedoch identifizierbar, wie auch der Presserat in seiner Stellungnahme anerkannte (s. Ziff. 1 lit. c der Erwägungen). Dass das Bild zur Verfügung gestellt worden sei, ist blanker Hohn. Und genau dieser blanke Hohn, der schon feststellte, dass das Bild kein aktuelles sei, degradiert den Verhöhnten zum Objekt.

PS: Texte wie diesen zu schreiben, mag ich übrigens nicht. Das Thema ist damit nun hierorts abgeschlossen.

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