Wieder sorgt „Blick“ für Unruhe

In Erinnerung ist die „Petarden-Trottel“-Kampagne, mit der „Blick“ mehr als nur harte Kritik erntete. Unlängst hiess der Schweizer Presserat Philippe Wampflers Beschwerde gegen die Berichterstattung teilweise gut (Entscheid 3/2012).

Im neuen, aktuellen Fall wird laut „NZZ Online“ die Publikation von Bildmaterial kritisiert. Auch Philippe Wampflers Blog thematisiert das Problem.

Die NZZ zitiert die flämische Medienministerin Ingrid Lieten:

„Weil diese Fotos irgendwo in einem sozialen Netzwerk im Internet verfügbar seien, ‚heisst das noch lange nicht, dass man sie auch brauchen und veröffentlichen kann‘ (…). Vor allem dann nicht, wenn die Bewilligung zur Veröffentlichung nicht gegeben worden sei, ergänzte sie.“

Den Schweizer Presserat gibt die NZZ wie folgt wieder:

„Dies bekräftigt auch der sich mit Medien-Ethik beschäftigende Schweizer Presserat in verschiedenen früheren Stellungnahmen. Nicht jedes Bild, das im Netz verfügbar sei, sei auch in den Massenmedien publizierbar.
Er kritisiert den ‚Blick‘ für die Veröffentlichung der Fotos, da das Fehlen von öffentlichem Informationswert unverkennbar sei, sagt Dominique von Burg, Präsident der Beschwerdeinstanz der Nachrichtenagentur SDA. Von Burg fragt sich zudem, ob die Zeitung das Einverständnis der Eltern für den Abdruck der Bilder hatte.“

Warum dieser neue Fall auch im Licht der „Petarden-Trottel“-Kampagne zu betrachten ist?

Der Presserats-Entscheid 3/2012 zur „Blick“-Berichterstattung geht in den Erwägungen so gut wie nicht auf die fragwürdige Verwendung von Bildmaterial ein. Es finden sich gerade einmal zwei Erwägungen zum Thema Bildmaterial:

  1. „Dies lässt sich im Lichte von Ziffer 7 der ‚Erklärung‘ selbst dann nicht rechtfertigen, wenn Bilder mit schwarzen Balken abgedeckt und der Name des Betroffenen nicht vollständig genannt werden. (…) Insbesondere der Artikel vom 9. November (…) enthält mit der Angabe von Vornamen und dem Initial des Nachnamens, dem mit einem schwarzen Balken abgedeckten Bild des Verunfallten, dem Wohnort (Adlikon), dem Bild des Hauses, in dem die Wohngemeinschaft wohnt sowie dem Beruf des Vaters (Schulpychologe), der Angabe des Vornamens des Vaters und dem Hinweis, dass dieser an zwei Sekundarschulen im Kanton Zürich arbeitet, eine Vielzahl von Identifikationsmerkmalen, die eine Identifikation ausserhalb desjenigen Kreises von Personen als wahrscheinlich erscheinen lässt, die im Sinne der Richtlinie 7.2 ausschliesslich durch die Medien informiert werden.“ (Ziff. 2 lit c. der Erwägungen)
  2. „Und ebenso wenig hat ‚Blick‘ in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht, welche im Sinne der Richtlinien 8.3 und 8.5 zur ‚Erklärung‘ die Menschenwürde des Opfers und seiner Angehörigen missachten.“ (Ziff. 3 lit. c)

Gerade aber das Bildmaterial, welches den als „Petarden-Trottel“ Porträtierten zeigt, wurde mutmasslich nicht wie „Blick“ in den jeweiligen Bildunterschriften mit der Quellenangabe „zvg“ glauben machen wollte von jenem oder dessen Umfeld zur Verfügung gestellt. Es entstand eher der Eindruck, dass „Blick“ sich diese Bilder des Porträtierten von sozialen Medien beschafft und ohne Genehmigung publiziert haben musste.

Im neuen Fall scheint „Blick“ gleich vorgegangen zu sein. Er dürfte Bildmaterial wiederum von sozialen Medien beschafft haben. Und er dürfte es wiederum ohne Genehmigung Berechtigter publiziert haben.

Dieser neue Fall ist deshalb auch im Licht der „Petarden-Trottel“-Kampagne zu betrachten, weil der Schweizer Presserat es sträflich vernachlässigt hat, das vom „Blick“ verwendete Bildmaterial einschliesslich indiskutabler Bildunterschriften zu thematisieren und zu beurteilen.
Der Presserat ging zwar in seinen Erwägungen so gut wie nicht auf das Bildmaterial und die Bildtexte ein, kam aber trotzdem irgendwie zum Schluss, dass „Blick“ nicht in sensationalistischer Weise Bilder veröffentlicht habe, welche die Menschenwürde des Opfers missachten (siehe auch meinen Kommentar zu dieser Schlussfolgerung). Eigentlich kein Wunder, wenn man das entsprechende Bildmaterial und seine Bildunterschriften gar nicht erst in Erwägung zieht.

  • Hätte der Presserat im Fall „Petarden-Trottel“ das Bildmaterial erwogen, hätte er festgestellt – und ggf. dazu beim „Blick“ auch nach der Quelle des Materials nachfragen müssen -, dass es teilweise wahrscheinlich von sozialen Medien bezogen und dazu ohne Genehmigung des Berechtigten publiziert wurde.
  • Hätte der Presserat diesen Aspekt erwogen, hätte er dazu Stellung beziehen müssen. Was er aber nicht tat. Nun muss er sich vielleicht im neuen Fall, mit dem „Blick“ Aufmerksamkeit erregt, mit diesem Thema befassen.
  • Hätte der Presserat Bildmaterial samt zugehörigen Texten schon im Entscheid 3/2012 geprüft anstatt nicht darauf einzugehen, wäre „Blick“ womöglich schon damit darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Bezug von Bildern von sozialen Medien und die Publikation ohne Genehmigung der Berechtigten nicht angeht. Und es wäre gar nicht erst zum neuen Fall gekommen.
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