Knatsch zwischen „Beobachter“ und „Weltwoche“

Der „Beobachter“-Journalist Dominique Strebel kritisiert in einem Blogbeitrag einen Berufskollegen von der „Weltwoche“. Alex Baur habe ihn falsch zitiert:

„In der Weltwoche vom 8. März 2012 schreibt Baur, ich hätte im Beobachter einen Text verfasst, der in der Vermutung gegipfelt habe, ‚dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen.‘ Die Anführungszeichen stammen vom Weltwoche-Text. Bauer erweckt damit den Eindruck, es werde eine Aussage von mir zitiert.“

„Baur behauptet in seinem Weltwoche-Text von Anfang März 2012 weiter, ich hätte einen naiv wohlwollenden Text über den Serienvergewaltiger Markus Wenger geschrieben.  Auch das ist falsch, denn der Text über Markus Wenger stammte nicht von mir, sondern von einer Ex-Weltwoche-Journalistin.“

Sehr geehrter Herr Strebel,

die Stossrichtung Ihres Textes ist offensichtlich. Ihre Haltung scheint klar durch: Sie kritisieren heftig die gängige Verwahrungspraxis.

Zum Beispiel:

„Sogar der eher verwahrungsfreundliche Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok geht von bloss 30 bis 40 Menschen aus, die in der Schweiz lebenslang verwahrt werden müssen. Was er selten oder nie erwähnt, sind die 130 Täter, die somit nicht lebenslänglich verwahrt werden dürfen [Anm.: kein Konjunktiv?]. Diese sollten einmal entlassen werden können, doch in den letzten zehn Jahren kamen nur gerade sieben frei.“

Sie verweisen zwar auf Urbanioks Aussage. Doch es ist Ihre und nicht seine Schlussfolgerung, dass 130 Täter nicht lebenslänglich verwahrt werden dürfen und einmal entlassen werden können sollten. Sie betonen sogar, dass es Ihre und nicht seine Schlussfolgerung ist, und zwar mit dem Hinweis, dass Urbaniok diese 130 „selten oder nie erwähnt“. Dafür erwähnen Sie sie in Ihrem Artikel. Sie machen sich stark für Sie: sie dürfen nicht lebenslänglich verwahrt werden und sie sollten entlassen werden können.

Daraus folgt: die Aussage, Ihr Artikel gipfle in der Vermutung, „dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen“, ist nicht unrichtig. Präziser wäre die Feststellung, dass Ihr Artikel nicht in einer blossen solchen Vermutung sondern in einer entsprechenden Schlussfolgerung gipfelt. Konkret schlussfolgern Sie, dass rund 3/4 (was tatsächlich „mehr als die Hälfte“ ist) der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen. Da dies Ihre Schlussfolgerung ist, ist nicht schlüssig, weshalb Sie nicht mit einer entsprechenden Aussage in Verbindung gebracht werden dürften. Zwar führt Alex Baur ein Zitat an, welches Leser theoretisch Ihnen zuschreiben könnten, aber selbst wenn sie es Ihnen zuschrieben, wäre dies inhaltlich sicher nicht unrichtig. Andererseits ist die Interpretation, dass das Zitat von Ihnen selbst stammt, nicht zwingend. Streng genommen gipfelt Ihr Artikel laut Alex Baur einfach irgendwie in dieser Aussage.

Sie urteilen über Alex Baurs Text:

„Leider hat mich Baur zu diesen Vorwürfen vorgängig nicht Stellung nehmen lassen. Mit seinem Text verletzte der Recherchejournalist mehrfach die Wahrheits- und Fairnessgebote des Presserates.“

Aus Alex Baurs Artikel ist m.E. kein schwerwiegender Vorwurf an Ihre Adresse heraus zu lesen. Eine vorgängige Anhörung gemäss Richtlinien des Presserats – d.h. bei schwerwiegenden Vorwürfen – drängt sich m.E. nicht auf. Zu bemängeln ist einzig, dass der von Baur kritisierte Text über Wenger ursprünglich nicht aus Ihrer Feder stammt. Auf den Text wird aber in Ihrem Artikel verwiesen. Ob Alex Baur mit diesem Irrtum die Wahrheitspflicht in gravierender Weise oder absichtlich verletzt hat, lasse ich gerne offen. Ein konkreter taktischer Nutzen ist mir aus diesem Irrtum jedenfalls nicht ersichtlich.

Diese Antwort schreibe ich Ihnen übrigens auf meinem Blog, weil Sie aus unerfindlichen Gründen meine Kommentare neuerdings moderieren? Bisher konnte ich auf Ihrem Blog problemlos Kommentare verfassen, Herr Strebel. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang zum Fall Thür und meiner – auf meinem Blog und nicht etwa als Kommentare bei Ihnen veröffentlicher – Kritik an der Berichterstattung des „Beobachters“ über die Website „papanews.ch“? Sie haben mich nämlich auf Ihrem Blog  nach den Veröffentlichungen über den Fall Thür auf Moderation geschaltet, was entsprechende Vermutungen nährt. Denn vorher gab es keine Moderation bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüssen

Feldstecher

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2 Antworten zu Knatsch zwischen „Beobachter“ und „Weltwoche“

  1. feldstecher schreibt:

    Ich pflichte Ihnen absolut bei, dass die Aufgabe des Journalismus darin besteht, grösst mögliche Klarheit zu schaffen und dies Präzision und deshalb gewissenhafte Recherche erfordert. Dies nicht nur bei schwierigen Themen sondern generell. Wenn ich in meinem Blog die Arbeit der Medien aufgreife bzw. kritisiere, geht es ja eigentlich auch immer darum, dass sie zu einem Sachverhalt unscharfe oder einseitige Bilder vermittelten.

    Alex Baur hätte richtig geschrieben, dass Ihr Artikel “darauf hinweist, dass laut zwei Deutschen Psychiatern mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitze.“ Da gebe ich Ihnen völlig recht. Dabei geht es darum, dass zwei Deutsche Psychiater zitiert werden und nicht der Autor die entsprechende Aussage macht, obwohl dieser durchaus mit einer entsprechenden Aussage in Verbindung gebracht werden dürfte, wenn auch nicht vermittels des beanstandeten Zitats (Herleitung: siehe Beitrag). Was die Erwähnung des Wenger-Artikels angeht, pflichte ich Ihnen bei, dass nicht der Eindruck entstehen darf, Sie hätten ihn verfasst. Dies scheint mir der gravierendste Irrtum, und zwar weil der besagte Wenger-Artikel ja ausdrücklich als naiv wohlwollend gebrandmarkt wird.

  2. dominiquestrebel schreibt:

    Sehr geehrter Feldstecher,

    bei besonders schwierigen Fragen wie jener der Verwahrung sollten Journalisten möglichst sorgfältig arbeiten. Und zur Sorgfalt als Journalist gehört nun halt einfach der korrekte Umgang mit den Quellen. Alex Baur erweckt den Eindruck, ein Zitat stamme von mir, das nicht von mir stammt, sondern von renommierten Gerichtspsychiatern. Das ist keine Nebensächlichkeit.
    Weiter wirft mir Alex Baur vor, ich hätte die Akten des Falles Wenger und das Muster eines Serienvergewaltigers nicht studiert. Ich staune über diesen Vorwurf, weil ich den kritisierten Text, auf den sich Baur dabei bezieht, gar nicht geschrieben habe. Das ist eine gröbere „Ungenauigkeit“.
    In so schwierigen Themen wie der Verwahrung haben wir mit so ungenauen Texten wie jenem von Alex Baur keine Chance, so etwas wie Klarheit zu erreichen. Und genau darum sollte es Journalisten, wenn immer möglich gehen.
    Da muss gar kein „konkreter taktischer Nutzen“ vorliegen. Es ist einfach unsaubere journalistische Arbeit – genau wie das Nichteinholen einer Stellungnahme bei Vorwürfen.

    Mit freundlichem Gruss

    Dominique Strebel

    P.S. Ich habe meinen Blog auf Moderation geschaltet, weil ich rechtlich problematische Kommentare verhindern will. Das hat nichts mit der Berichterstattung des Beobachters über papanews.ch zu tun.
    P.P.S. Wieso haben Sie eigentlich nicht den Mut, als Blogger mit Ihrem Namen zu Ihrer Meinung zu stehen? Wäre eigentlich nichts als fair dem Leser gegenüber.

      Antwort von Feldstecher zu P.S.:
      Ich verstehe, danke für die Info. Läuft hier genau gleich.

      Antwort von Feldstecher zu P.P.S.:

    Die Urheberschaft dieses Blogs ist an sich irrelevant. Im Vordergrund steht der Inhalt. Die (Schweizer) Gesellschaft hat m.E. sowieso schon die Tendenz, (politische und andere) Diskussionen allzu stark zu personalisieren. Das führt dann regelmässig zum berühmten „Spiel auf den Mann“, welches Sie ja gerade in Ihrem Beitrag über den Artikel von Alex Baur rügen. Wenn Diskussionen persönlich werden, werden sie i.d.R. unsachlich, man verliert unnütz Zeit aufgrund von sog. „Affenproblemen“ (an diesem Begriff könnten Sie mich erkennen, wenn Sie mir persönlich begegnen, denn ich verwende ihn auch sonst). Ich habe in meinem Leben zu oft erlebt, dass eigentlich interessante Diskussionen an persönlichen Animositäten scheiterten, eigentlich interessante Ansätze nieder geschrieen wurden, weil jemandem ein persönlicher und eben nicht sachlicher Aspekt in einer Diskussion missfiel. Dieser (menschlichen) Unsitte will ich keine unnötige Angriffsfläche bieten.
    Die Anonymität dieses Blogs ist ausserdem – seit Anbeginn – konzeptionell begründet: wer mit dem Feldstecher im Busch hockt, wird nun mal einfach nicht so leicht entdeckt bzw. erkannt. Sie war in genau diesem Sinne von Anfang an eingeplant. Es ist natürlich aber klar, dass die Identifikation der Urheberschaft trotzdem lediglich eine Frage der Zeit ist: je länger dieser Blog existiert, desto mehr Personen werden die Urheberschaft persönlich kennen lernen. Ich kann vermutlich nicht ewig verhindern, dass meine Identität der einen oder anderen Person bekannt wird, aber ich kann diesen Prozess immerhin verzögern.
    Im Weiteren ist es nicht so, dass etwa bei juristischen Streitigkeiten die Urheberschaft dieses Blogs nicht eruierbar wäre. Gegenüber WordPress ist der verantwortliche Herausgeber dieses Blogs eindeutig identifiziert. Aber diese Angriffsfläche ist auf das Minimum zu reduzieren – es gibt zuviele Querulanten auf dieser Welt, ganz besonders in der Schweizer Gesellschaft. Im Wesentlichen bietet die Anonymität also gewisse Freiheiten, gerade auch im Bereich der Meinungs- und Äusserungsfreiheit. Diese Freiheiten nehme ich mir einfach, vollkommen ungeachtet dessen, was die Blogkonsumenten darüber denken. Wie gesagt: meine Person tut nichts zur Sache, sie steht überhaupt nicht im Zentrum. Der Inhalt dieses Blogs ist wesentlich. Über diesen können wir gerne jederzeit diskutieren.
    Im Grunde genommen ist jeder anonym geführte Blog auch ein Armutszeugnis für den faktischen Zustand der Meinungs- und Äusserungsfreiheit im Land, in welchem die Betreiber leben. Ich mag der Schweiz und der Schweizer Bevölkerung diesbezüglich zur Zeit auch nicht wirklich ein gutes Zeugnis ausstellen. Repressalien – offene und unterschwellige, legale und illegale – wegen unbequemen Meinungen sind in dieser Gesellschaft, in dieser Kultur leider einfach immer noch alltäglich. Freilich, ich kann mich schon durchsetzen. Ich habe kein Problem, Leuten, die mir Scherereien bereiten, kräftig auf die Füsse zu treten, dabei die Steigeisen umgeschnallt, oder, falls nötig, ihnen mit anderen übelsten Methoden, die ich mir ausdenken kann, Paroli zu bieten. Aber ich verzichte lieber auf unnötige Reibereien, weil ich meine Energie und Zeit lieber für Sinnvolles investiere. Streitereien, bei denen jeweils jemand auf der Strecke liegen bleibt, sind zu vermeiden, also entziehe ich ihnen schon einmal die primäre Grundlage, die Angriffsfläche der Person nämlich.
    Mit Mut oder Feigheit hat Anonymität in der Blogosphäre m.E. nichts zu tun, sondern generell viel mehr mit gesundem Selbsterhaltungstrieb. Nicht nur im Iran oder in Nordkorea. Auch in der Schweiz. Und eigentlich besonders in der kleinkarrierten Schweiz. Die Methoden in der Schweiz (und anderen westlicher Staaten) zur Unterdrückung der Äusserungsfreiheit sind wohl viel subtiler als die stalinistischen. Aber sie sind zweifellos vorhanden und werden ebenso zweifellos angewendet. Und weil ich auf Unterdrückung i.d.R. sehr unwirsch reagiere, lassen sich wohl manche hässliche Szenen vermeiden, indem ich einfach mal fürs erste anonym bleibe.
    Würde ich diesen Blog unter meinem Namen führen, wäre er letztlich einfach schlicht nicht dasselbe. Er wäre das, was mein Blog, den ich unter meinem Namen führe, ist: ein ganz gewöhnlicher, persönlicher Blog. Dieser Blog hier ist aber kein persönlicher Blog. Er war auch nie als das gedacht. Dies ist Feldstechers Blog. Feldstechers Blog ist ein Produkt. Handelsware sozusagen. Hier regiert „Feldstecher“, wie es ihm beliebt. Er teilt aus, wie es beliebt. Er ist mal schnoddrig, mal hemdsärmelig, mal korrekt, einfach wie es gerade beliebt. In der Regel scharfsinnig. Und es gibt nichts und niemand, die, der oder das diesen Blog dabei einschränkt (ausser die Nutzungsbestimmungen von WordPress.com). Toll, ne? Das ist echte, gelebte Kunstfreiheit. Diese Freiheit nehme ich mir einfach. Einfach so. Ohne mich dafür zu rechtfertigen. Ohne Rechenschaft abzulegen. Das ist Freiheit. Für diese Freiheit habe ich ja auch meinen Militärdienst geleistet. Bewaffnet. Und mit Herz. Getrieben von Freiheitswillen.
    Im Weiteren weise ich darauf hin, dass die Anonymität der Urheberschaft von Feldstechers Blog nicht absolut ist. Wer wirklich will, kann die Urheberschaft zweifellos identifizieren – und sie beispielsweise privat auf diesen Blog ansprechen. Die Frage ist allenfalls, wie diese Urheberschaft privat reagiert, wenn sie privat auf Feldstechers Blog, ein Produkt eben, eine Presseerzeugnis im Prinzip, angesprochen wird. Sofern sie überhaupt bestätigt, mit diesem Blog in Verbindung zu stehen, vermutlich irgendwie wie folgt: „Beiträge meiner Blogs wollen Sie bitte auf dem entsprechenden Blog kommentieren, privat diskutiere ich diese nicht. Berufliches trenne ich strikte von Privatem, und das Bloggen im Rahmen von nicht-persönlichen Blogs ist als berufliche bzw. geschäftliche, evtl. auch akademische Tätigkeit anzusehen. Wenn Sie geschäftlichen Kontakt zu mir wünschen, stehe ich Ihnen selbstverständlich gerne zu den üblichen Geschäftszeiten zur Verfügung. Gerne übernehme ich inhaltliche Bewirtschaftung und technische Administration Ihrer Blogs im Auftragsverhältnis.“ Oder so.

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