Die Windungen angestrengt

Meinen Beitrag zum Artikel „Rote Karte für schwarze Liste“ im Beobachter 26/2011 habe ich der Redaktion des Beobachters im Sinne eines Leserfeedbacks zugestellt. Sehr prompt habe ich darauf Antwort von Chefredaktor Andres Büchi erhalten.

Unter anderem stellt er fest:

“Sie schreiben, dass sich Thür – anders als im Beobachter erwähnt – laut Darstellung in der AZ auch zur Website papanews.ch explizit geäussert habe, wenn auch nicht so lobend, wie das Herr Brechbühl auf seiner Website darstellt.”

Beim Stichwort “explizit” habe ich meinen Beitrag nochmals gelesen, weil mich ein leichtes Unbehagen durchfuhr: Hatte Thür während des Interviews womöglich gar nicht explizit gewusst, über welche Website er sich äussert?

Es ist korrekt, dass mein Beitrag festhält:

“Es steht zweifelsfrei fest, dass sich Hanspeter Thür – entgegen seiner vom Beobachter zitierten Behauptung – über die Website papanews.ch geäußert hat, und zwar im AZ-Interview vom 13. November 2011.”

Somit ist es korrekt, dass mein Beitrag explizit aussagt, Thür habe sich zur Website papanews.ch geäussert. Ob Thür während dieses Interviews auch wirklich wusste, dass er sich über diese Website äussert, lässt der Beitrag offen. Denn im AZ-Interview, das den Feststellungen des Beitrags zugrunde liegt, wird die Website papanews.ch nicht explizit genannt. Somit hat auch Thür laut Darstellung in der AZ die Website papanews.ch nicht explizit beim Namen genannt, als er sich äusserte: „Ein solcher Pranger ist immer fragwürdig. Doch jetzt steht diese Liste in einem anderen Zusammenhang und lässt sich besser einordnen. Es ist hier nichts mehr zu finden, was nicht schon Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen ist“.

Zu welchem Zusammenhang genau sich Thür mit seiner Aussage äussert, ist im Interview nicht explizit ersichtlich. Dass es sich um eine Website handeln muss, geht aus dem Kontext hervor. Auch hatte die AZ im Artikel über das Verfahren, zu dem Thür interviewt wurde, explizit berichtet, dass die Liste von einer anderen Website übernommen worden sei. Dieser Artikel ist zum heutigen Zeitpunkt online jedoch nicht mehr verfügbar.

Wer – ohne Einblick in den AZ-Artikel zum Verfahren – aus der expliziten Aussage von Thür dialektisch herzuleiten versucht, auf welche Website er sich bezieht, hat tatsächlich keine Chance, auf papanews.ch zu kommen. Aus Thürs Aussage darf jedoch geschlossen werden, dass er wusste, über welche Website genau er sich äussert, als er sagte: “Ein solcher Pranger ist immer fragwürdig. Doch jetzt steht diese Liste in einem anderen Zusammenhang und lässt sich besser einordnen”. Es sei denn, der Zusammenhang, in dem diese Liste neu stand, wäre ihm doch nicht explizit bekannt gewesen und er hätte seine Aussage alleine auf seine unmittelbar vorangehende Aussage bezüglich der schwarzen Liste bei kinderohnerechte.ch aufgebaut: „Mit dem Umfeld, in dem die schwarze Liste hier eingebettet war, wurde ein Zusammenhang mit schweren Vergehen wie Kinderhandel oder Kindsmisshandlung suggeriert. So etwas darf nicht hingenommen werden.“ Womit er mit diesem Bezug implizit ausgesagt hätte, dass jeder andere Zusammenhang – egal welcher – die Liste besser einordnen lasse, wenn er tatsächlich nicht explizit gewusst hätte, von welchem Zusammenhang er spricht. Dagegen, dass Thür nicht wusste, von welchem Zusammenhang er hier spricht, spricht seine unmittelbar folgende Aussage: “Es ist hier nichts mehr zu finden, was nicht schon Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen ist.” Er stellt mit dieser Aussage einen klaren Bezug zum Zusammenhang her, von dem er spricht. Und er stellt explizit fest, dass in diesem (“hier”) nichts mehr zu finden ist, was nicht schon Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen ist. Man darf aufgrund dieser Aussage schliesslich guten Gewissens annehmen, dass Thür der Zusammenhang, von dem er im Interview sprach, explizit bekannt war, er wusste, von welcher Website er spricht, er sie mit eigenen Augen gesehen haben muss, um schliesslich festzustellen: “Es ist hier nichts mehr zu finden, was nicht schon Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen ist.”

Was durch diese Überlegung noch nicht geklärt ist: warum ausgerechnet papanews.ch? Könnte nicht eine andere Website die schwarze Liste übernommen haben, und papanews.ch hätte sie erst später übernommen? Thür hätte sich im Interview auf eine andere Website als papanews.ch bezogen?
Dies lässt sich nicht mehr so einfach erstellen. Ich kann lediglich bestätigen, dass ich anlässlich Verfassens des Berichts über das Urteil und der kritischen Analyse eines Pressetextes aus dem Vorfeld des Verfahrens im Internet recherchiert habe, welche Website die unzensurierte Originalliste übernommen hat. Und ich kann dabei bestätigen, dass dies einzig und alleine die heutige Website papanews.ch war. Ob sie damals einen anderen Domainnamen oder ein anderes Design hatte, weiss ich nicht mehr. Der Name “Papanews” ist mir allerdings geblieben. Wenn Thür also wusste, von welchem Zusammenhang er sprach, als er feststellte, dass “hier” nichts mehr zu finden ist, was nicht schon Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen ist, er die Website, von der er sprach, demnach mit eigenen Augen gesehen hatte, musste er – zumindest aus meiner Warte – wissen, dass es sich um die Website Papanews handelte.

Da diese Herleitung ausschliesslich auf meiner eigenen Wahrnehmung basiert, ist sie für Aussenstehende nicht nachvollziehbar. Meine Wahrnehmung reicht allerdings mir, Thür zu unterstellen, dass er im Interview mit der AZ wissen musste, dass er von der Website Papanews sprach, als er sich zum neuen Zusammenhang der Liste äusserte. Oder dass man dies wenigstens guten Gewissens annehmen darf.
Für Aussenstehende nachvollziehbar ist jedoch, dass dem Interviewer der AZ genau bekannt gewesen sein musste, um welche Website es sich handelt, zumal er ja Thür die Frage zum “neuen Umfeld” der Liste gestellt hatte. Man darf guten Gewissens annehmen, dass er Thür dieses “neue Umfeld”, um das sich seine Frage drehte, vorgestellt hatte – sonst wäre die Interviewfrage ins Leere gelaufen, ohne Basis geblieben – und dass sich Thürs Antwort, “hier” sei nichts mehr zu finden, was nicht schon Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen sei, auf eben diese Vorstellung bezog. Ob dieses “hier” auch in der Wahrnehmung des Interviewers die Website Papanews war, muss an dieser Stelle aber offen bleiben.

Fazit:
Jedenfalls habe ich aufgrund dieser Überlegungen keine Veranlassung, den Beitrag „Wenn die Windungen spuken“ zu entfernen oder zu ändern.
Dem möglichen Vorwurf, Thür nicht vor der Publikation dieses Blogbeitrags um eine Stellungnahme gebeten zu haben, möchte ich an dieser Stelle auch gleich begegnen. Die Feststellung des Beitrags, dass er sich an seine Aussagen in einem AZ-Interview nicht erinnern kann, ist definitiv kein schwerwiegender Vorwurf. Im Übrigen ist Hanspeter Thür als eidgenössischer Datenschutzbeauftragter nur schwer erreichbar. Seine Emailadresse ist mir zudem unbekannt. Eine Stellungnahme einzuholen wäre schlicht vollendeter Verhältnisblödsinn gewesen.

About these ads
Dieser Beitrag wurde unter Absurd, Behörden, Journalismus, Politik, Schweiz abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Windungen angestrengt

  1. Ich behaupte, unser grüner “Datenschützer” Thür interpretiert die Wahrheit nicht so genau.
    Zum Zeitpunkt seines AZ-Interview gab es die Schwaze Liste tatsächlich NUR auf http://www.papanews.ch ! Das wird sich wohl auch bald beweisen lassen ;-)

    Inzwischen wurde die Liste wie bei einem Flächenbrand über halb Europa verteilt und nun von mehreren Portalen ins Netz gestellt. Eine Übersicht befindet sich auf:
    http://www.kinderohnerechte.ch/web/artikel_art.php?artikel_ID=644

    Freundliche Grüsse
    Urs Brechbühl http://www.papanews.ch

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s