Die Tomaten auf den Augen der Reporter

Mutmasslich Pfeffersprayeinsatz bei Lindenhofräumung

Wie von der Stadtverwaltung angekündigt, wurde am 15. November der seit dem 16. Oktober 2011 von Aktivisten der „Occupy Paradeplatz“-Bewegung besetzt gehaltene Zürcher Lindenhof polizeilich geräumt. Zwei bis drei Dutzend Aktivisten hätten passiven, gewaltfreien Widerstand geleistet. Diesen hätten sie zuvor einstudiert, berichtete 20 Minuten Online.

„Zwei Besetzer wurden von den Polizisten blutig geschlagen, am Boden entlang geschleift und andere mit Pfefferspray attackiert. Mehrere Polizisten rieben zudem in hinterhältiger Manier den Protestierenden Pfefferspray in die Augen, welchen sie zuvor auf ihre Handschuhe aufgetragen haben.“David Roth am 15. November 2011 im JUSO-Blog

„Eine Person wusch sich gerade das Gesicht, weil sie von einem Polizisten mit Pfefferspray eingenebelt worden war.“Oscar Acosta am 15. November 2011 in „Nation of Swine“

Die Berichterstattung vom 15. November 2011 in den Online-Ausgaben der Zürcher Tageszeitungen – Neue Zürcher Zeitung („Zürcher Lindenhof geräumt“ von Marcel Gyr und Andres Wysling), Tagesanzeiger („Lindenhof geräumt – Besetzer künden neues Treffen an“ von Tina Fassbind und Felix Schindler), 20 Minuten Online („Aktivisten erhalten Kirchen-Asyl“ von Roman Hodel) und Blick („Polizei räumte Lindenhof – 20 Aktivisten verhaftet“) – erwähnt mit keinem Wort Gewaltanwendung durch die Polizei. Als ob es keine Gewaltanwendung gegeben hätte. Im Gegenteil, die „NZZ Online“ zitiert Polizeisprecher Marco Cortesi: „Cortesi stellte nach der Aktion fest, dass die Räumung ohne Gewaltanwendung habe vollzogen werden können.“ Auch „20 Minuten Online“ zitiert die Polizei: „Die Polizei ist indes zufrieden mit dem Verlauf der Aktion auf dem Lindenhof. (…) Widerstand habe nur ein harter Kern geleistet. ‚Der Widerstand war aber nur passiv, alles verlief friedlich.’“ Die Berichterstattung im „Tagesanzeiger“ ist vorsichtiger. Sie verzichtet auf Zitate des Polizeisprechers und hält stattdessen fest: „Die Räumungsaktion verlief weitgehend friedlich.“ Der „Blick“ macht zur Qualität der Räumung keine Angaben. Er hält nüchtern fest: „Rund 20 Aktivisten mussten jedoch von der Polizei weggetragen werden. Sie wurden verhaftet und in Kastenwägen weggebracht.“ Anlässlich Räumung im Dunstkreis von Gewalt steht eine 26-jährige Schweizerin, die wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte verzeigt worden sei, wie der „Tagesanzeiger“ und „20 Minuten“ erwähnten.

Die Berichterstattung des Schweizer Fernsehens („Zürcher ‚Occupy‘-Aktivisten erhalten in Kirche ‚Asyl'“) ist anders. Zwar zitiert auch das Fernsehen Polizeisprecher Cortesi: „Der rund anderthalbstündige Einsatz sei ‚absolut friedlich und verhältnismässig‘ verlaufen, sagte Cortesi. (…) Es habe nicht verhindert werden können, das einzelne Personen etwas härter angepackt worden seien.“
Bei „härter angepackt“ stelle ich mir vor, dass Cortesi damit die Fesselung mit Kabelbindern und das Wegtragen jener Lindenhof-Besetzer meint, die mit passivem Widerstand standhaft bleiben wollten. Ich denke weniger an Pfefferspray, ein Wort, das auch in keinem Zeitungsbericht vorkommt und ausschliesslich vom Schweizer Fernsehen mit dem Zitat einer Aktivistin aufgegriffen wird: „Anderer Meinung waren die Besetzer: Die Polizei sei zu heftig eingeschritten und habe körperliche Gewalt angewendet, sagte eine Aktivistin. Zudem habe sie Tränengas und Pfefferspray versprüht.“

In der Medienmitteilung der Stadtpolizei Zürich heisst es: „Das Wegtragen dieser Besetzerinnen und Besetzer verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle.

Frage: Was stimmt jetzt? Stimmt das, was Oscar Acosta in „Nation of Swine“ und David Roth im JUSO-Blog berichten und auch eine vom Schweizer Fernsehen zitierte Aktivistin aussagt? Dass seitens der Polizei nämlich Pfefferspray und körperliche Gewalt gegen Aktivisten eingesetzt wurde.
Oder stimmen die Aussagen des Polizeisprechers, Marco Cortesi, gegenüber den Zürcher Zeitungen, dass keine Gewalt angewendet wurde, der Einsatz absolut friedlich verlief? Dürfen wir die vorsichtige Formulierung des Tagesanzeigers, die Räumungsaktion sei „weitgehend“ friedlich verlaufen, in Verbindung mit Cortesis Aussage gegenüber dem Schweizer Fernsehen verstehen, es habe nicht verhindert werden können, dass einzelne Personen etwas härter angepackt worden seien? Muss man schliesslich dieses „härtere Anpacken“, das Cortesi gegenüber dem Fernsehen einräumt, richtig deuten, indem man es vor dem Hintergrund der vom Fernsehen zitierten Aktivistin und den Zeugenaussagen von Acosta und Roth sieht?

Da bleibt noch eine Frage offen: haben die professionellen Zeitungs- und Fernsehjournalisten Tomaten auf den Augen? Oder sehen sie lediglich nicht, was zu sehen politisch nicht opportun ist? Oder waren sie einfach zu spät gekommen?
Eine zweite Frage bleibt offen. Warum würde Polizeisprecher Marco Cortesi physische Gewaltanwendung und den Einsatz von Reizstoffen leugnen oder derart kleinreden, dass keine Menschenseele darauf käme, dass Pfefferspray gegen Aktivisten eingesetzt worden ist?

Dass Pfefferspray im Einsatz gewesen sein könnte, deutet ein von der NZZ Online veröffentlichtes Foto an (Bild Nummer 13 zum Artikel „Zürcher Lindenhof geräumt“). Wenn Pfefferspray eingesetzt wurde, konnte die Räumung offenbar nicht wie von Cortesi behauptet ohne Gewaltanwendung vollzogen werden. Sie wäre allerhöchstens „weitgehend friedlich“ gewesen, wie der „Tagesanzeiger“ politisch korrekt zu berichten wusste. Wenn Pfefferspray eingesetzt wurde, handelt es sich um eine Gewaltanwendung, und solche gehören nun einmal in jedem anständigen Bericht erwähnt, wenn es sie denn gab – und wenn es ihn, den anständigen Bericht, denn überhaupt noch gibt.


Update vom 18. November 2011:

  • 15. November: Im zweiten Bericht des Tagesanzeigers zur Räumung des Lindenhofs („Jetzt wird der Stauffacher besetzt“ von Tina Fassbind und Felix Schindler) kommt Polizeisprecher Marco Cortesi zu den Vorwürfen zu Wort. Er räumt ein, dass in einem Fall Tränengas eingesetzt worden sei. Im Weiteren besteht er darauf: „Die Polizisten sind auf dem Lindenhof sehr professionell und korrekt vorgegangen.“
  • 18. November: Feldstechers Blog gelangt mit einer Anfrage per Email an die Medienstelle der Stadtpolizei Zürich. Konkret soll die Medienstelle erklären, „weshalb die Stadtpolizei ggf. den Einsatz von Pfefferspray als nicht nennenswerten Zwischenfall betrachtet“ und ihn in ihrer Medienmitteilung nicht erwähnt. Auch zu anderen erhobenen Vorwürfen ist sie Stellung zu nehmen eingeladen. Die Medienstelle verweist auf ihre Mitteilung und den telefonischen Weg.

Update vom 30. November 2011:

  • 28. November: Feldstechers Blog kommt nochmals auf die Geschichte zurück und fragt in einem neuen Kommentar: „einfach Devot?“
Dieser Beitrag wurde unter Ethik, Journalismus, Kommentare, Polizei, Zürich abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s