Mit reiner Sozialpädagogik ist es nicht getan

In Wallisellen ZH soll eine Sozialpädagogin im Dienst der Schulbehörde ein Schulmädchen mit fragwürdigen Methoden behandelt und den Eltern zu entfremden versucht haben, berichtete Hugo Stamm im Tagesanzeiger Online am 9. November 2011.

Pikant am Fall ist, dass die im Artikel namentlich nicht genannte Sozialpädagogin einer esoterischen Gruppe angehören soll, wie Journalist und Sektenexperte Hugo Stamm schreibt: „Die Eltern fanden heraus, dass die Sozialpädagogin die Schweizer Vertreterin einer international tätigen sektenhaften Gruppe war und spirituelle Seminare geleitet hatte.“ Noch pikanter ist, dass die Schulpräsidentin von Wallisellen, Anita Bruggmann (lic. iur., FDP), nichts davon gewusst haben will: „Schulpräsidentin Anita Bruggmann behauptete, die Sozialpädagogin sei nie Mitglied dieser esoterischen Gruppe gewesen. Dokumente widerlegen dies jedoch. Im Religionsführer Zürich taucht die Pädagogin als Vertreterin einer sektenhaften Gruppe in der Schweiz auf.“ („Esoterische Pädagogin zieht junges Mädchen in ihren Bann“ von Hugo Stamm, Tagesanzeiger Online, 9. November 2011).

Das betroffene Mädchen berichtete dem Tagesanzeiger über die Sozialpädagogin allerlei Kurioses, das auf fragwürdige und durch esoterische Lehren beeinflusste pädagogische Praktiken schliessen lässt. Aufgrund des Artikels als erwiesen oder überprüfbar anzunehmen ist, dass die Pädagogin

  • zuerst die Schülerin wegen eines Ekzems zu einer Ärztin brachte, ohne die Eltern zu informieren
  • später, ebenfalls ohne die Eltern zu informieren, das Schulmädchen ins Mädchenhaus brachte
  • das Mädchen während des zwölftägigen Aufenthalts im Mädchenhaus mehrmals besuchte, während den Eltern hingegen der Kontakt verboten war

Aufgrund des Artikels ebenfalls als erwiesen anzunehmen ist, dass die Behörden die Eltern zunächst nicht informierten, weshalb ihr Kind ins Mädchenhaus gebracht wurde. Sie orientierten erst später über einen Verdacht auf Kindesmisshandlung. Den Anfangsverdacht nährten Hämatome an den Oberschenkeln.
Widersprüchlich äusserte sich das Mädchen über angebliche Schläge der Eltern, welche der Grund für zwei Aufenthalte im Mädchenhaus waren. Ebenfalls widersprüchlich äusserte es sich über die Sozialpädagogin.

Erwiesen ist ferner, dass das Jugendsekretariat des Bezirks nach einem zweiten Aufenthalt des Mädchens im Mädchenhaus, in dessen Zug es zumindest telefonisch wieder mit der Sozialpädagogin in Kontakt gestanden haben soll, eine Unterbringung im Mädchenhaus während drei Monaten beantragte, wofür die Eltern finanziell mit bis zu 32’000 Franken aufzukommen gehabt hätten. Für den ersten, zwölftägigen Aufenthalt waren ihnen schon 4’300 Franken in Rechnung gestellt worden. Für den zweiten forderten die Behörden 3’850 Franken.

Laut Tagesanzeiger änderte sich das Marschtempo der Behörden aber schlagartig, als sich die Eltern an ihn wandten: das Kind hätte aus der Familie entfernt werden sollen, doch verzichteten die Behörden darauf, nachdem der Tagesanzeiger im Fall zu recherchieren begonnen hatte. Auch eine Ferienreise mit dem Kind erlaubten die Behörden den Eltern plötzlich. Der Obhutsentzug wurde aufgehoben. Auf eine Einweisung des Kindes in ein Heim verzichteten die Behörden, weil das Kind „wieder nach Hause flüchten würde“, wie der Tagesanzeiger zitiert. Auf eine Unterbringung des Kindes auf einer geschlossenen Abteilung sei zu verzichten, weil dies laut Behörden mehr schaden als nützen würde.

Der Bericht des Tagesanzeigers basiert auf den Aussagen des Mädchens und seiner Eltern, Stellungnahmen der Behörden sowie Recherchen. Die betreffende Sozialpädagogin wollte – wohl in Hinblick auf das Amtsgeheimnis – gegenüber dem Tagesanzeiger zum Fall nicht Stellung beziehen.

Kommentar:

Aufgrund der angetroffenen Umstände – die Aussagen des Kindes, dass es von den Eltern geschlagen werde, vor dem Hintergrund von „Hämatomen an den Oberschenkeln“ – erscheint der erste Aufenthalt des Mädchens im Mädchenhaus angezeigt. Auch das Kontaktverbot für die Eltern ist unter solchen Umständen erstmal nachvollziehbar. Dasselbe gilt für den zweiten Aufenthalt im Mädchenhaus, dem offenbar erneut Misshandlungsvorwürfe zugrunde lagen.
Dass sich das Mädchen heute gegenüber dem Tagesanzeiger widersprüchlich äusserte – es zog die Aussage gegen die Eltern zurück und behauptete neu, die Eltern hätten es nie geschlagen, die Hämatome stammten von Turngeräten –, kann die zuständigen Behörden nicht von der Pflicht entbinden, einen solchen Sachverhalt trotzdem ernst zu nehmen und die Ursache der Hämatome medizinisch genau abzuklären. Ebenfalls drängt sich eine Abklärung der Ursache der widersprüchlichen Aussagen auf. Die Resultate beider Abklärungen bilden sodann die Grundlage für allfällige weitere Massnahmen. Aus dieser Sicht ist es auch nachvollziehbar, dass das Jugendsekretariat für das Kind einen dreimonatigen Aufenthalt im Mädchenhaus beantragt hatte.
Etwas befremdlich wirkt vor diesem Hintergrund allerdings, dass die Behörden vom eingeschlagenen Weg abgekommen sind und den Obhutsentzug aufgehoben haben, als sich der Tagesanzeiger einschaltete. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Misshandlungsvorwürfe offensichtlich falsch waren – oder die Behörden angesichts der Recherche des Tagesanzeigers kalte Füsse bekommen haben und nun deswegen recht eigentlich ihre Pflicht vernachlässigen. Offen bleibt die Frage, worin die Widersprüchlichkeit der Aussagen des Mädchens begründet liegt. Wäre nicht die Klärung dieser Frage erst die Grundlage für einen Obhutsentzug, ein schwerer Eingriff in die Familie, der laut Tagesanzeiger schon beschlossene Sache war?

Aus dem Bericht des Tagesanzeigers geht nicht hervor, dass die Sozialpädagogin, andere Schulvertreter oder die Vormundschaftsbehörde bezüglich der Misshandlungsvorwürfe das Gespräch gesucht und die Vorwürfe vor oder während dem Aufenthalt im Mädchenhaus mit den Eltern thematisiert hätten. Im Gegenteil, der Tagesanzeiger schreibt zum ersten Aufenthalt im Mädchenhaus: „Die Eltern kannten den Grund der einschneidenden Massnahme immer noch nicht.“ Spätestens während des Aufenthalts des Kindes im Mädchenhaus wären die Eltern über den Grund zu orientieren gewesen. Die Sozialpädagogin oder andere Schul- oder Vormunschaftsvertreter hätten zu diesem Zeitpunkt die Misshandlungsvorwürfe mit den Eltern thematisieren müssen, nicht zuletzt um die Ursache der Hämatome sauber abzuklären. Die Eltern seien aber erst später informiert worden.

Die widersprüchlichen Aussagen des Mädchens über die Sozialpädagogin sind so wenig verwertbar wie die widersprüchlichen Aussagen über angebliche Schläge der Eltern. Aber so ernsthaft wie die widersprüchlichen Misshandlungsvorwürfe abzuklären waren sind auch die widersprüchlichen Aussagen des Kindes über das angeblich befremdliche Gebaren der Sozialpädagogin zu prüfen.
Schliesslich ist der Grund für die widersprüchlichen Aussagen zu erheben. Es fragt sich allerdings, ob eine Sozialpädagogin oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Mädchenhauses dafür fachlich qualifziert wären. Es scheint dazu der Fachkompetenz erfahrener Jugendpsychologen oder -psychiater zu bedürfen. Gerade auch deshalb fragt es sich, ob das Mädchenhaus in diesem Fall die geeignete Institution war und ob sich unter diesem Aspekt die Rechnungsstellung an die Adresse der Eltern überhaupt rechtfertigen lässt. Denn wäre das Mädchen von Anfang an kompetent betreut worden, in den Händen der Medizin nämlich, hätte sich die ganze Leidensgeschichte womöglich nie entwickelt und auch die Aufenthalte im Mädchenhaus hätten sich vielleicht nie ergeben. Dieser Punkt ist den Behörden und insbesondere der Sozialpädagogin vorzuhalten: der Sache nach hätten sie schon nach der ersten Gefährdungsmeldung einen Schulpsychologen und ganz besonders wegen der Hämatome in Zusammenhang mit den Misshandlungsvorwürfen den schulärztlichen Dienst einschalten müssen. Mit reiner Sozialpädagogik ist es nicht getan.


Update 20111112-1:

  • Am 12. November ergänzte der Tagesanzeiger unter dem Titel „Walliseller Pädagogin hinterging mehr als ein Elternpaar“, besagte Sozialpädagogin habe einen Jungen mit einer leichten Schürfverletzung wiederum ohne die Eltern zu informieren zum Arzt gebracht: Der Arztrechnung hätten sie entnommen, dass auch für die Vormundschaftsbehörde ein Bericht über den Untersuch verfasst worden war, und zwar auf Geheiss der Sozialpädagogin.
    Hugo Stamm zitiert in seinem Artikel die Mutter des Jungen: „Wir können auch nicht ausschliessen, dass die Sozialpädagogin eine Gefährdungsmeldung gemacht hat. Uns hat nie jemand gefragt, ob wir unseren Sohn geschlagen hätten. Wir spürten die stillen Vorwürfe aber deutlich.“ Kommentar: unausgesprochene Anklagen, zu denen die Angeklagten mangels Aussprache nicht Stellung beziehen können, können erheblichen psychischen Druck verursachen.
    Dem Artikel ist ferner zu entnehmen, dass sich der Junge mit seinem Stiefvater nicht optimal verstanden haben soll. So soll er seinen Stiefvater auf Facebook bezichtigt haben, die ärztlich untersuchte Schürfung verursacht zu haben. Schliesslich sei er auf eigenen Wunsch aus der Obhut seiner Mutter und seines Stiefvaters zu seinem leiblichen Vater umplatziert worden, was von der Sozialpädagogin forciert worden sei. Nicht ungehört lässt der Tagesanzeiger die Qual Mutter, die er wie folgt zitiert: „Es ist schrecklich, auf diese Weise quasi sein Kind zu verlieren.“ Kommentar: Im Zentrum stehen die Interessen des Kindes, der Umzug zum leiblichen Vater mag für den 14-jährigen ganz grundsätzlich und unabhängig von der Beziehung zur Mutter oder dem Stiefvater richtig gewesen sein.
    Die Arztrechnung sei erst nach einem Rekurs der Eltern von der Schule beglichen worden. Die Schulpräsidentin Anita Bruggmann (lic. iur., FDP) hatte laut Bericht zunächst bestritten, dass es in Zusammenhang mit besagter Sozialpädagon weitere Vorfälle gegeben hat.
    Nach Publikation des Tagesanzeiger-Berichts sei die betreffende Sozialpädagogin beurlaubt und eine Administrativuntersuchung eingeleitet worden. Weitere Stellungnahmen seien für den Tagesanzeiger infolge der laufenden Untersuchung nicht erhältlich gewesen.
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