Wie Internetzensur zur Lachnummer wird

Eine Lektion in praktischer Informationsfreiheit

Die Massenproteste in Ägypten bekämpft die Regierung mit Internetzensur. Nicht nur Zugang zu Facebook und Twitter sind blockiert, der ganze Internetverkehr ist lahmgelegt. Gleichzeitig hat die Regierung den Mobiltelefonverkehr unterbrochen.

Wie TIME Techland berichtet, hat die ägyptische Regierung die Internet Service Provider (ISP) angewiesen, ihre DNS-Server zu deaktivieren. DNS-Server liefern zu Domainnamen wie beispielsweise “feldstecher.wordpress.com” die passende Adresse des Internet Protokolls (IP-Adresse). Ohne Internet-DNS weiß der Browser (oder ein anderes internetbasiertes Kommunikationsprogramm wie zum Beispiel ein FTP-Client) nicht, mit welcher IP-Adresse er sich verbinden soll. Es sei denn, User geben im Adressfeld des Programms die IP von Hand ein, beispielsweise “192.43.244.18”, die mit dem Zeitserver des nationalen Instituts für Standards und Technologie der Vereinigten Staaten von Amerika (NIST) unter Domainnamen “time.nist.gov” verbindet. Damit sind Millionen von Internetnutzern in Ägypten vom Internet ausgeschlossen, weil ihre Browser bei den DNS-Servern der ägyptischen ISP nicht mehr die IP einer Internetseite, die unter ihrem Domainnamen bekannt ist, erfahren. So einfach ist es.

Der Umstand, dass die ägyptische Regierung lediglich die DNS-Server deaktivieren ließ, erklärt denn auch, weshalb laut TIME Techland nur rund 88% des ägyptischen Internetverkehrs ausgefallen ist: zirka 12% des Verkehrs wird offenkundig mit Beihilfe von ausländischen DNS-Servern abgewickelt. Das heißt, dass – Handgelenk mal Pi – etwa 12% der Internetnutzer in Ägypten zwar über einen lokalen ISP ans Internet angeschlossen sind, aber nicht dessen sondern einen anderen DNS-Server verwenden, beispielsweise den DNS-Server von Google, Google Public DNS. Oder sie verbinden sich über Proxy-Server mit dem Internet.
DNS-Server sind wie jede andere Internetdomäne unter einer IP-Adresse erreichbar. Allerdings haben sie keinen eigenen Domainnamen. Dieser erübrigt sich, da ja gerade die DNS-Server gegen Domainnamen erst IP-Adressen liefern.

Experiment mit SwissJustice.net

Um das Phänomen, mit dem die ägyptische Regierung im Land den freien Informationsfluss derzeit unterbindet,  selbst zu erleben, können Internetnutzer aus der Schweiz versuchen, die etwas trashige Webseite der umstrittenen westschweizer Protest-Organisation “Appel au peuple” von Gerhard Ulrich aufzurufen: Die unter dem Domainnamen “www.swissjustice.net” registrierte Internetseite des Vereins ist seit Anfang Januar 2010 über mindestens zwei Schweizer ISP nicht mehr erreichbar. Zuvor war sie mehrere Jahre lang einzig für Swisscom/Bluewin-Kunden blockiert. Grund hierfür war, wie der Verein auf seiner Webseite zugibt, eine gerichtliche Verfügung im Jahr 2002 an alle in der Schweiz tätigen Internetprovider. Gemäß dieser Verfügung wäre der Zugang zu den Webseiten des Vereins zu sperren gewesen. Allerdings befolgte damals einzig die staatliche Swisscom/Bluewin diese gerichtliche Weisung. Ab Anfang 2010 ist aus unbekannten Gründen nun mindestens auch Cablecom nachgezogen.
Technisch zensurieren die Provider die Webseite des Vereins dadurch, dass sie ihre DNS-Server für den Domainnamen “swissjustice.net” keine IP-Adresse zurück liefern lassen – dasselbe Prinzip, das die ägyptische Regierung zur Zeit auf sämtliche Internetseiten im world wide web anwendet.
Die Webseite des Vereins “Appel au peuple” wird gemäß DNS-Register übrigens in den USA gehostet, wo ihre Inhalte in Einklang mit dem Gesetz stehen, weshalb kein US-Gericht sie zensuriert.

Um nun experimentell zu prüfen, wie im Zensurfall die Blockade von nationalen DNS-Servern zu umgehen sind, können geneigte Leserinnen und Leser aus der Schweiz ihren Router oder am PC ihre Netzwerkverbindung mit der IP eines ausländischen DNS-Servers ihrer Wahl einrichten und auf die Vereinsseite des “Appel au peuple” zugreifen.

Die Netzwerkverbindung des PCs stellt sich in der Regel automatisch auf die IP des DNS-Servers des Providers oder auf die IP des Routers ein, der oftmals DNS-Informationen zwischenspeichert und so als Mini-DNS-Server fungiert. In diesem Fall stellt sich der Router meist selbst automatisch auf die IP des DNS-Servers des ISP (Provider) ein.
Es spielt keine Rolle, ob die IP des gewünschten DNS-Servers am Router oder am PC manuell eingestellt wird, wenn die Netzwerkeinstellung des PCs den Router als DNS-Server führt. In jedem Fall aber ist eine Änderung der Netzwerkeinstellungen am PC effektiv:

winxp-adapterconfig

Zunächst ist das Einstellungsfenster des Netzwerkanschlusses, über den der PC ans Internet angeschlossen ist, zu öffnen. Unter Windows XP sieht dieses wie auf der oben stehenden Abbildung gezeigt aus. Hinweis: In der Regel dürfte es sich natürlich um einen anderen als den in der Abbildung genannten Netzwerkadapter (“D-Link DWA-111 Wireless G USB Adapter”) handeln.
Darauf sind die Eigenschaften des Internetprotokolls anzuzeigen.  Unter dem Reiter “Allgemein”, wie er auf der folgenden Abbildung für eine XP-Umgebung zu sehen ist, ist im unteren Bereich des Fensters die Einstellung der DNS-Serveradresse von “automatisch beziehen” auf “folgende DNS-Serveradressen verwenden” umzuschalten und in mindestens einem der zwei Adressfelder die IP-Adresse eines funktionierenden DNS-Servers einzugeben, beispielsweise “8.8.8.8” und “8.8.4.4” für die DNS-Server von Google.

winxp-ipconfig

Darauf sind die Einstellungsfenster mit “OK” zu schließen. Et voilà: Wer nun im Browser versucht, die Webseite des Vereins “Appel au peuple” unter der URLhttp://www.swissjustice.net” aufzurufen, dem ist nun neu Erfolg beschert.

Erfolgreich umgehen wir die Zensurmaßnahmen der Schweizerischen Eidgenossenschaft, indem wir ausländische DNS-Server benutzen. Genau diese Methoden verwenden nun die 12% der Internetnutzer, die trotz regierungsamtlicher Internetblockade in Ägypten weiterhin ihre Lieblingssendungen auf YouTube & Co. schauen möchten, sofern sie nicht ausländische Proxys verwenden.

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Eine Antwort zu Wie Internetzensur zur Lachnummer wird

  1. Gerhard Ulrich schreibt:

    Ein herzliches Dankeschoen und Gruesse
    Gerhard Ulrich

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