Außen hui und innen pfui?

Ein Kommentar zu Justizgepflogenheiten

”Wenn einer im Gerichtssaal nachlässig herumlümmelt, womöglich noch mit Kaugummi, dann hat er von vornherein verloren”, zitiert der Tages-Anzeiger Philipp Kunz, Anwalt von Peter Hans Kneubühl, in der Online-Ausgabe am 21. Dezember 2010.

Zugegeben, im Gerichtssaal nachlässig herum lümmeln, womöglich noch mit Kaugummi, würde ich nicht. Allerdings nicht, weil etwa, wie Anwalt Philipp Kunz gegenüber dem Tages-Anzeiger meint, für solche Leute der “Strafverschärfungsgrund der Dummheit” gelte. Viel eher entspräche es einfach nicht meiner Art: Kaugummis stören das Sprechen, und wo es eine Sitzgelegenheit gibt, gibt es nichts zu lümmeln.

Festzustellen bleibt lediglich, dass eine professionelle Justiz sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen lässt, sondern sich auf die Gegenstände des Verfahrens konzentriert. Selbst wenn also ein Angeklagter mit Kaugummi im Mund erschiene, dürfte dies in keiner Weise das Urteil oder das Strafmaß beeinflussen!

Es gibt genau definierte Fehler, die einem Angeklagten angelastet werden können, Ungehörigkeit, Erschwerung einer Untersuchung, Widerhandlung gegen amtliche Verfügungen und so fort. Ob aber jemand in Turnschuhen und T-Shirt und mit Kaugummi vor Gericht erscheint oder als Lackaffe, hat in keinem Rechtsstaat Einfluss auf Urteil oder Strafmaß. Alles andere wäre sogar hoch bedenklich: weshalb sollte der, der steif und heraus geputzt vor den Richter tritt, milder beurteilt werden als jener, der sich ganz natürlich gibt?
Für mich sind fassadenhafte Menschen à priori einmal viel verdächtiger, etwas zu verstecken, als Menschen, die sich natürlich geben. Wer natürlicherweise Kaugummis kaut, der hat dazu selbst vor dem Richter das Recht, so lange als er trotzdem deutlich spricht, keine störenden Geräusche verursacht oder mit nerviger Kaubewegung für Irritation sorgt.

Aber was sage ich da? Es gibt wohl kein Milieu, das vom Grundsatz her fassadenhafter, gestelzter, gekünstelter und steifer ist als das Justizmilieu. Im Grunde genommen sind Juristen durch und durch falsch und verlogen, es gibt wohl nur wenige gesellschaftliche Subkulturen, in denen Anschein und “sauberes Image” mehr zählen als in der Justiz. Was Wunder also, wenn serienweise Verbrecher auf freiem Fuß sind und unbescholtene, einfache Bürger derweil von Staatsanwaltschaften mit haltlosen Anklagen tyrannisiert werden? Für die durchschnittlichen Charaktere der Justiz zählt doch der äußere Schein mehr als jede forensische, logische oder aussageanalytische Realität, nicht wahr?
Da gerade dies eine leider nicht von der Hand zu weisende Tatsache ist, die für mehr Gerichtsfälle als uns lieb ist gilt, ist guten Gewissens jeder und jedem, die oder der eine Anhörung vor Gericht hat, nahezulegen, nach Kräften Speichel zu lecken, um sich die Gunst des Gerichts zu erschleichen. Es sei denn, Sie sind souverän genug, dass Sie es sich leisten können, sich natürlich zu geben.

Wenn erfahrene Anwälte wie Philipp Kunz feststellen, das Strafmaß hänge quasi zu einem Teil von Äußerlichkeiten ab, so ist daraus zu schließen, dass Berufsschauspieler die besten Chancen haben vor einem durchschnittlichen Gericht – nicht etwa weil sie die besseren Lügner wären, jede Lüge lässt sich auf dem einen oder anderen Weg als solche entlarven, sondern weil sie sich den Wünschen der Richter gemäß aufzuführen vermögen, eine kleine Vorstellung bieten. Was aber ist das für eine Justiz?
Ein Bauer vom Land erhält eine schärfere Strafe als eine Edelprostituierte im gleichen Fall, einfach weil er sich natürlich gibt, während letztere alle Register zieht, um zu gefallen? Was ist das für eine Justiz? Eine Justiz, die äußeres Hui ungeachtet inneren Pfuis belohnt und gleichzeitig äußeres Pfui ungeachtet inneren Huis bestraft.

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