Assange, Manning, Lamo & Co.

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Die von WikiLeaks zur Zeit produzierte Datenflut ist kaum zu bewältigen. Das Studium all der Interna der US-Diplomatie, die WikiLeaks seit dem 28. November 2010 täglich veröffentlicht, erfordert mindestens eine Vollzeitstelle.

Parallel zu dieser Datenflut spielt auf der WikiLeaks-Bühne ein anderes Stück, das nur mehr als durch und durch dégoûtant zu bezeichnen ist:

Verglichen mit den Skandalen, die den veröffentlichten diplomatischen Depeschen zu entnehmen sind, und vor allem ihrer Fülle, scheint die Aufführung “Lamo, Manning, Assange & Co.” ein Klacks.

Geradezu einen Nebenschauplatz stellen die offiziellen Reaktionen der Weltöffentlichkeit und der internationalen Politik dar. Mehrere globale Finanz- und Informatikdienstleister haben WikiLeaks oder Assange von der Kundenliste gestrichen. Im Gegenzug erhält WikiLeaks logistische Unterstützung von KMU, politisch von europäischen Kleinstparteien und zahllosen Sympathisantinnen und Sympathisanten.
Ein Teil der Unterstützer hat im Internet gar zum Angriff auf die Firmen geblasen, welche zuvor WikiLeaks im Regen stehen lassen haben. Die Internetpräsenzen von Amazon, PayPal, Master Card, Visa und Postfinance sahen sich als Reaktion harten elektronischen DDoS-Angriffen ausgesetzt. Diese waren von der Hackergruppe “Anonymous” initiiert und koordiniert worden.
Die US-Regierung schliesslich sieht sich ausserstande, das Leck zu stopfen, und untersagt deshalb amtlichen Stellen den Zugriff auf die WikiLeaks-Seite. Die Luftwaffe der Vereinigten Staaten geht einen Schritt weiter und blockiert den Zugang auch zu jenen Medien, welche an vorderster Front über die Depschen berichten oder diese über ihre Online-Ausgaben zugänglich machen.

Man kann sich ob dieses Spektakels gemütlich zurücklehnen und fürs erste einmal einfach zuschauen und staunen.
Interessant ist zur Zeit vor allem die Zwischenbilanz, die bezüglich der Berichterstattung in Schweizerischen Medien zu ziehen ist: keine grössere Tageszeitung verfolgt die hunderten Veröffentlichungen, die WikiLeaks der Welt täglich beschert, regelmässig oder einlässlich.

Zu Beginn berichteten die meisten Medien über die wenigen Informationen, in welchen die Schweiz gewürdigt wird, etwa die Bemerkung des US-Botschafters, die Schweiz sei eine “frustrierende Alpen-Demokratie” oder die Beziehungen seien zwar “herzlich” aber “ohne Bindung” und es gebe kein “antiamerikanischeres europäisches Land” als die Schweiz. Auch dass der US-Botschafter den Chef des Schweizerischen Inlandsgeheimdienstes, Urs von Daeniken, als “antiamerikanisch und unkooperativ” einstufte, fand sein Medienecho. Die Schweizerischen Medien waren durch Radio Basel – der Sender pflegt gute Beziehungen zum “Spiegel” – vor der Veröffentlichung durch WikiLeaks in den Besitz dieser Dokumente gelangt.
Seither wird die Schweizerische Bevölkerung sehr zurückhaltend und sporadisch über die täglichen Enthüllungen, die das Ausland betreffen, informiert – die volle Aufmerksamkeit der Schweizer Journalisten geniessen hingegen der Klatsch und Tratsch um Julian Assange, die Aufkündigung der Geschäftsbeziehungen mit WikiLeaks durch einige Finanz- und Informatikdienstleister und die elektronischen Angriffe auf die Internetseiten dieser Unternehmen. Ob die Schweizer Presse mit dieser Zurückhaltung den Eindruck des Antiamerikanismus, den der vormalige US-Botschafter erhalten hatte, korrigieren zu können meint?

Wer sich in der Schweiz solide informieren will, ist von ausländischen Medien abhängig, etwa dem englischen “Guardian”, der mit einer kaum zu überbietenden Leistung sowohl am Puls des Geschehens um WikiLeaks und Julian Assange ist als auch die veröffentlichten Depeschen journalistisch aufarbeitet. Alternativ bieten sich “der Spiegel”, die “New York Times”, die als US-amerikanische Tageszeitung einen schweren Stand hat, die spanische “El Paìs” und die französische “Le Monde” an. Und selbstverständlich die Website von WikiLeaks selbst.

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