Assange & Co.

Wenn investigativer Journalismus den Mainstream nervt         

Der Tages-Anzeiger lässt seinen US-Korrespondenten Walter Niederberger die von WikiLeaks publizierten Afghanistan-Protokolle kommentieren. Dieser verreisst WikiLeaks und Chef, Julian Assange.          

Niederberger stellt in seinem Kommentar vom 31. Juli 2010 fest, dass die etablierten Medien nach einem kurzzeitigen Hype um die Afghanistan-Protokolle die Berichterstattung zurück fahren oder gar nicht erst mitlaufen.1
Wer heute Samstag, 31. Juli 2010, einen Blick auf die Onlineausgabe des deutschen „Spiegels“ wirft, sieht sich auf der Frontseite unmittelbar eines besseren belehrt. Denn dort sind die Tötungseinsätze in Afghanistan noch immer Top-Thema, in der Hauptspalte links an dritter Stelle, nach zwei Berichten über die Loveparade-Tragödie in Duisburg.         

Nebst einem Artikel über Namenslieferungen der Bundeswehr für die Taliban-Jagdliste („Bundeswehr lieferte Namen für Taliban-Jagdliste“), enthüllt der Spiegel in einem zweiten Artikel zum Thema, dass Washington nun gegen WikiLeaks mobil macht („Washington macht gegen WikiLeaks mobil“), und in einem dritten, dass die Uno afghanische Taliban von der Terrorliste streicht („Uno streicht afghanische Taliban von Terrorliste“).
In einem vierten Artikel berichtet der Spiegel ausführlich über die Task Force 373 („Die Taliban-Jäger“). Diese ist für den Spiegel ein starkes Thema. Den Rohstoff lieferte WikiLeaks: „Die jetzt enthüllten Geheimdokumente geben weitreichende Einblicke in die Kommandoaktionen der US-Spezialkräfte – wie sie Top-Taliban jagen, wie das Töten für sie Routine ist“ (Der Spiegel).         

Spiegel Online Frontseite am 31.7.2010

Spiegel Online Frontseite am 31.7.2010

 

 Ist es nicht diese Task Force 373, die durch die Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle auf einen Schlag europaweit erstmals wirklich weit in die Gesellschaft hinein Bekanntheit erlangte? Sind es nicht gerade die Aktivitäten dieser Task Force 373, welche das Weisse Haus nun in ihrer Brisanz eifrig herunter spielt und lamentiert, diese seien doch alle öffentlich schon längst bekannt gewesen?         

Wer ebenfalls heute die Onlineausgabe des englischen „Guardian“ aufruft, findet ebenso auf der Frontseite in der ersten Spalte an zweiter Stelle den Themenkasten, der fünf Artikel zum Einsatz in Afghanistan offeriert, davon einer über die Meinung der US-Militärs über WikiLeaks („WikiLeaks ‚has blood on its hands’“), einen über ein mutmassliches Leck („Suspected source of leaks transferred to US“) – und der letzte Titel in Fettschrift über die Afghanistan-Protokolle (Full coverage of the Afghanistan war logs).
Einzig das Onlineportal der New York Times lässt, wie von Niederberger erwähnt, auf der Frontseite die entsprechende Berichterstattung vermissen. Sie findet sich jedoch rasch über die Suchfunktion der Zeitung.         

Selektive Wahrnehmung…         

Es stellt sich als erstes die Frage, welche anderen Zeitungen Niederberger meint, wenn er feststellt, diese würden die von der New York Times aufgenommene Politik, den Ball tief zu halten, imitieren. Offensichtlich nicht den „Spiegel“ und nicht den „Guardian“. Aber welche dann? Den schweizer „Tages-Anzeiger“? Dieser verliert heute auf seiner Online-Frontseite in der Tat kein Wort mehr zu den Afghanistan-Protokollen oder den NATO-Einsatz in Afghanistan überhaupt. Im Auslandteil hingegen finden sich einige Berichte zum Hindukusch vom Vortag. Im gleichen Kleid präsentiert sich die ebenfalls schweizerische „NZZ Online“ an diesem Samstag. Doch auch dort von den Afghanistan-Protokollen kein Wort, auch nicht mehr im Auslandteil.
20 Minuten Online“, eine gehobene schweizerische Boulevard-Gratiszeitung, präsentiert auf der Startseite – ungefähr in der vertikalen Mitte der Seite – in der zweiten Spalte einen Kasten mit drei Artikeln zu den Afghanistan-Papieren („Wikileaks könnte ‚Blut an den Händen‘ haben“, „Irak-Whistleblower unter Verdacht“ und „Obama: Nichts Neues durch WikiLeaks“). Die Reaktion und Bedenken der US-Regierung stehen für „20 Minuten“ wie beim „Guardian“ nun im Vordergrund der Berichterstattung über die Afghanistan-Protokolle. Niederberger scheint demnach selektiv vor allem die Publikationspolitik der US-amerikanischen New York Times wahrzunehmen.         

…und Kakophonie         

Für das mediale Desinteresse, welches Niederberger ausmacht, sieht er eine erste Erklärung in der Qualität des veröffentlichten Materials. Dieses bestehe aus politisch irrelevanten Augenzeugenberichten, Gerüchten, Gesprächsfetzen und persönlichen Eindrücken der Soldaten, welche das Bild des chaotischen, verwirrten Krieges lediglich bestätigten.2
Damit übt sich Niederberger in der derzeitigen WikiLeaks-Kakophonie der US-Regierung. Niederberg wiederholt papageienhaft, was die US-Regierung derzeit von sich gibt. Was hat das mit Journalismus zu tun? Einem Vergleich mit dem Umgang, den der Spiegel mit dem Material pflegt, hält Niederberges Ansicht nicht stand.         

Dass Wikileaks-Chef Assange drei erfahrene, vertrauenswürdige Redaktionen („Spiegel“,„Guardian“ und „New York Times“) habe einspannen müssen, um die Afghanistan-Protokolle an die breite Weltöffentlichkeit zu tragen, zeige, so Kommentator Niederberger, dass das Ausbreiten von Rohmaterial im Internet allein noch keine journalistische Leistung sei.3
In der Tat umfasst Journalismus ein breit abgestecktes Tätigkeitsgebiet. Es beginnt bei der Recherche, der Jagd nach Rohmaterial. Die investigative Recherche ist eine Arbeit, wie sie mitunter Privatdetektive ebenfalls leisten. Die Tätigkeit des Journalisten führt vom Anzapfen diverser Informations-Quellen über die sprachliche Aufbereitung und bestenfalls Anreicherung eines Artikels mit Bildmaterial hin zu einer dem typischen Leserinnen- und Lesersegment mundgerecht servierten Publikation, ergänzt vielleicht sogar mit einem als solchem gekennzeichneten subjektiven Kommentar eines Journalisten.          

Das blosse Bereitstellen von Rohdaten ist eine überaus minimalistische Publikation. Es fehlt die sprachliche Präsentation, die Prioritätensetzung des Journalisten und die Auswahl des Wesentlichen. Diese Publikation von Rohdaten wendet sich an ein sehr spezielles Zielpublikum, an Menschen, die mit Rohdaten, deren Authentizität geprüft und bestätigt ist, allerdings mehr anzufangen vermögen als mit schönfärberischen, schönsprecherischen und dazu auf ihren Wahrheitsgehalt nur schwer überprüfbaren Berichten der etablierten, in der heutigen Zeit auch oftmals establishment- und regierungsnahen Medien, die sogenannte „Mainstreampresse“.          

„Embedded Press“…         

Niederberger tut aus seiner Position als Vertreter der Mainstreampresse dem WikiLeaks-Chef Assange Unrecht. Denn gerade dass es der Mainstreampresse bedarf, um Informationen, die durchaus von breitem öffentlichen Interesse sind, zu verbreiten, zeigt die Monopolstellung der traditionellen Medien auf.
Die Menschen haben heute noch kein fundiertes Vertrauen in anonyme Internet-Informationsquellen. Einerseits ist das Netz zu modern, zu neu noch. Die meisten heute lebenden Menschen sind nicht mit dem Internet sozialisiert. Es ist gewöhnungsbedürftig. Andererseits ist der Mangel an Vertrauen in Informationen, die exklusiv im Internet präsentiert werden, auch nicht unbegründet, zumal oft auch qualitativ fragliche, schlecht recherchierte Informationen und mangelhafte Texte anzutreffen sind, leidige Verschwörungstheorien, bestenfalls im Anzug des professionellen Internetdesigns…         

Die etablierten Medien haben auch in der heutigen Zeit die Macht, das Schicksal brisanter Informationen zu bestimmen – im Rahmen, den der freie Markt stellt. Dies mag gewisse Medien und gewisse Medienschaffenden zu einer gewissen Arroganz verleiten, die ihnen eigentlich den Status einer establishment- und behördennahen „embedded Press“ verleiht.
Den Vorwurf, eine verschleckte Presse, die sich scheut, investigativ und damit vielleicht auch für gewisse Kreise unbequem zu arbeiten, einen Journalismus, der das gemütliche tête-à-tête mit den Mächtigen ihrem eigentlichen Auftrag vorzieht, zu verkörpern, diesen Vorwurf kann man Assange & Co. gewiss nicht machen.         

…und billige Bequemlichkeit         

In der Zeit der Sparzwänge und des geradezu darwinistisch anmutenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfs unter den Medien erstaunt es nicht, dass investigativer Journalismus zur Seltenheit, zum journalistischen Luxusgut geworden ist. Er ist zeitaufwendig,  teuer, zu kostspielig, als dass sich das Risiko erfolgloser investigativer Recherchen, die in belanglosen Informationen und ebenso zur Irrelvanz verdammten Berichten münden, für die Medien lohnt.
Investigativer Journalismus ist stets ein Risikogeschäft. Die heutigen Journalisten scheuen ihn aus wirtschaftlichen Gründen. Sie warten lieber, dass ihnen brisante Informationen zugetragen werden. Das ist bequemer und billiger. Es liegt auf der Hand, dass WikiLeaks in klarer Konkurrenz zur etablierten Presse steht.         

Wer wie WikiLeaks Informationen gratis und franko publiziert, für die sich die etablierte Presse eigentlich nur die Finger leckt, schafft sich Neid und Missgunst auf der Seite des Mainstreams. Für diesen entsteht ein Feindbild, das Bild eines Konkurrenten, der das Futter streitig macht. Ausserdem haben Whistleblower die Wahl: WikiLeaks und ähnliche Plattformen oder die etablierte Presse. Diese kann für Exklusivinformationen nun noch tiefer in die Tasche greifen, denn jene gestatten die Publikation unkompliziert sozusagen auf Knopfdruck.         

Niederberger qualifiziert WikiLeaks zu Unrecht ab, aus durchsichtigen Gründen und auf dünnem Eis. Würde die etablierte Presse heute noch mit investigativem Journalismus brillieren, stünde es ihr eher an, ein Medium wie WikiLeaks und dessen Datenformat (Rohdaten) zu kritisieren.
Da sie sich wirtschaftlich stromlinienförmig gibt und bequem darauf wartet, dass ihr Informationen zugetragen werden, anstatt sich selbst aktiv um solche zu bemühen, macht sich ihre Kritik an Konkurrenten wie WikiLeaks, welche ihr im Grunde genommen diesbezüglich lediglich einen Spiegel vorhalten, eher schlecht.          

Glaubwürdiger Quellenschutz…         

Immerhin sind die IT-Sicherheitsspezialisten von WikiLeaks laut einem indiskret zirkulierenden CIA-Bericht* ausserordentlich gewissenhaft darum bemüht, die Identität ihrer Quellen zu schützen und das Netzwerk technisch perfekt abzusichern. Auch wenn der CIA-Bericht WikiLeaks-Chef Assange querulatorische Züge ins Gesicht zu zeichnen versucht: Welche etablierte Zeitung garantiert schon einen Quellenschutz der Art, um die  sich WikiLeaks bemüht?
Die Journalisten der etablierten Medien stehen – bei nicht zu unterschätzen breiten Bevölkerungskreisen – zu sehr unter dem Verdacht, mit Politik und Wirtschaft verfilzt zu sein, als dass Vertrauen der Quellen bei wirklich hochbrisanten Angelegenheiten noch guten Gewissens zu erwarten wäre: Chefredaktoren, die sich mit ihrer Teilnahme an Bilderberger-Konferenzen und ähnlich elitären geschlossenen Gesellschaften brüsten und über das Gesehene, Gehörte, Gespürte und Gerochene schweigen, wirken wenig vertrauenswürdig, was die Berichterstattung ihrer Blätter angeht – besonders, wenn sie gewissen Interessen von Politik und Wirtschaft zuwider liefe.         

…und dreckige Machenschaften
         

Niederberger beklagt in seinem Kommentar im Weiteren die Intransparenz von Wikileaks und die anscheinende juristische Aalesglätte dieser Organisation.4
Angesichts des Schwerpunkts dieses Mediums, dreckige Machenschaften von Regierungen und Wirtschaft ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren, sind sowohl die personelle Intransparenz als auch die juristische Aalesglätte taktisch naheligend. Einzig die Authentizität der von WikiLeaks verbreiteten Informationen und die Überprüfung ihres Wahrheitsgehalts zählt.         

Die zweite Erklärung für die von Niederberger wahrgenommene Kurzlebigkeit des medialen Interesses an den Afghanistan-Protokollen sieht er in der angeblich geringen Brisanz des Materials und in der angeblichen Bedeutungslosigkeit des bis heute wichtigsten mutmasslichen Zuträgers, ein 22jähriger US-Soldat namens Bradley Manning. Denn Tausende wie Manning hätten laut Niederberger Zugriff auf entsprechende Datensätze der US-Streitkräfte.Woher weiss Niederberger das eigentlich so genau? Somit jedenfalls, so schliesst Niederberger, wecke Assange mit Wikileaks Erwartungen, die sein Material nicht einlöse.5
Es gibt für guten Journalismus eine Grundregel: Für einen währschaften Skandal braucht es nicht zwingend brisantes Material. Es reicht womöglich die Feststellung, dass vollkommen uninteressantes Material verheimlicht wurde, obwohl es aus Sicht des öffentlichen Interesses zu veröffentlichen gewesen wäre. Es fragt sich dann, wer es verheimlicht hat, weshalb und insbesondere was möglicherweise sonst noch alles unterschlagen wird; womöglich führt dies zu einem handfesten Skandal.         

Oder anders formuliert: Wenn Sie bei Rot die Strasse überqueren, von einem Polizisten angehalten werden und darauf das Weite suchen, lediglich weil sie keine Busse bezahlen wollen und meinen, als Triathlet seien Sie schneller als der Beamte, können Sie sich damit schwer in Teufels Küche bringen… Dasselbe Prinzip gilt für Regierungen und Konzernchefs, die Informationen unterdrücken.         

* * *         

Die dritte Erklärung für zumindest von Niederberger wahrgenommenem medialen Desinteresse leitet er aus den ersten zwei ab: das Dilemma der Verantwortung für die Daten nämlich. Assange stelle ungeprüftes Material ins Internet und überlasse es den etablierten Medien, ihm die anspruchsvolle Aufgabe des Einordnens und verantwortungsvollen Aussortierens abzunehmen. Besonders betont Niederberger den Umstand, dass Lecks durchaus auch die Sicherheit von Personen gefährden, beispielsweise Informanten.6
Die Mühsal, 90’000 Datensätze zu durchforsten und Namen zu schwärzen, ist eine Aufgabe, die eine non-profit Organisation wie WikiLeaks nur schwer zu bewerkstelligen vermag. Es liegt auf der Hand, dass wirtschaftlich gut situierte und integrierte Medienhäuser viel eher über die Ressourcen verfügen, die Spreu vom Weizen zu trennen, besonders wenn sie zu dritt zusammen spannen.          

Die Diskussion, inwiefern die Veröffentlichung der Datensätze durch WikiLeaks die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten oder auch Europäischer Nationen bedroht, inwiefern sie Menschenleben gefährdet und deshalb inwiefern sie aus journalistischer Sicht unethisch oder womöglich sogar rechtswidrig war, ist eine komplexere Diskussion, die an anderer Stelle und ausführlicher zu führen wäre.          

Die Europäer haben infolge der Publikation der Afghanistan-Protokolle erstmals in der Geschichte des Afghanistan-Kriegs die Tätigkeit der Task Force 373 wirklich wahrgenommen und verstanden, geradezu ins Gesicht geklatscht gekriegt. Diese Informationen schwebten wohl schon vorher verschwommen im öffentlichen Bewusstsein, gerüchteweise, andeutungsweise. Man wusste aus den seriösen Medien ja, dass auch im Irak gezielte Tötungen vorgenommen worden waren, und man wusste, dass die USA dieses Vorgehen gegen afghanische Drogenbarone, die Financiers der Taliban, in Erwägung gezogen hatten.
Nun sind diese Informationen infolge der Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle schärfer geworden, deutlicher, realistischer und greifbarer. Wenn es nur dies war, was Assange und WikiLeaks mit den Afghanistan-Protokollen bewirkt haben, so ist alleine dies eine beachtliche investigativ-journalistische Leistung. Ob sie einen allfälligen Preis an nationaler Sicherheit in den USA oder in Europa und womöglich an Menschleben rechtfertigt, ist eine andere Frage, die, wie oben erwähnt, andernorts und tief gehender zu besprechen wäre.         

* * *         

Niederberger schliesst seinen Kommentar, Assange müsse noch viel lernen, wenn Wikileaks vermeiden wolle, selber zum Hackeropfer oder gar selbst zum Geheimdienst zu werden. Denn, so Niederberger, die Freiheit der Bürger im Internetzeitalter beinhalte auch das Recht, wirre Datenwuste zurückzuweisen und Wikileaks zu ignorieren.7
Wer die Interviews zahlreicher Medien mit Assange liest, weiss, dass seine Organisation und er sich offensichtlich bewusst sind, welche Gefahren für sie bestehen könnten. Assange soll sozusagen auf der permanenten Flucht leben. Investigativer Journalismus schliesslich, so wäre Kommentator Niederberger vorzurechnen, hat immer einen Hauch geheimdienstlicher Methode. Aber weshalb sollten wir die Afghanistan-Protokolle ignorieren? Weil die US-Regierung sich dies wünscht? Weil WikiLeaks in direkter Konkurrenz zu den etablierten Medien der Mainstreampresse steht?         

Die Feststellung Niederbergers zum Schluss seines Kommentars erscheint selbst etwas wirr: Welchen Zusammenhang weist die Feststellung, WikiLeaks könnte zum Hackeropfer oder zum Geheimdienst werden, mit der Feststellung auf, die Freiheit bestehe für die Bürger darin, das wichtigste Datenleck aller Zeiten, WikiLeaks, zu ignorieren?
Niederberger hält mit seinem Kommentar nicht, was er im Titel verspricht. Den Grund, weshalb wir die Protokolle oder WikiLeaks generell ignorieren sollten, liefert er nicht – im Gegenteil. Niederberger rechnet uns vor, weshalb uns WikiLeaks erst recht neugierig macht: der Dunstkreis der Geheimdienste.         

Fazit         

Für einen Schweizer Journalisten ist nichts leichter als mit einem fundiert recherchierten Kommentar in einer Schweizerischen Tageszeitung und deren Internetausgabe glaubhaft und resonanzträchtig darzulegen, weshalb viele Schweizer WikiLeaks ignorieren wollen. Es braucht dazu lediglich einen Hinweis auf den WikiLeaks-Artikel des ghanesischen Autors Lord Aikins Adusei mit dem Titel „Switzerland: A parasite feeding on developing world?“**
Aduseis Kommentar firmiert unter der WikiLeaks-Rubrik „Analysen“. Er beweist immerhin, dass WikiLeaks mehr kann als nur Rohdaten ins Netz zu stellen. Die womöglich entstellende Darstellung der Schweizerischen Eidgenossenschaft dürfte mehr als nur eine Schweizerin oder einen Schweizer vor den Kopf stossen.         

Mit seinem Kommentar erweckt der Tages-Anzeiger den Eindruck, die US-Regierung setze die Medien unter Druck, WikiLeaks tot zu schweigen, zu marginalisieren und zu verniedlichen. Seine Feststellung, die Medien hätten das Thema unter den Teppich gekehrt, suggeriert, dass die US-Medien sich diesem angeblichen Druck der Regierung auch beugen.
Es entsteht unterschwellig das Bild eines Korrespondenten, dem in den USA nicht mehr ganz wohl ist und der dem Mutterhaus in Zürich einen zur Position der US-Regierung und der US-Militärs ultrakonformen Kommentar abliefert. Einen überangepassten Eindruck erweckt die Zeitung mit der praktisch vollständigen und für einen Presskommentar sträflich unkritischen Übernahme der offiziellen US-Position bezüglich WikiLeaks.
         

Der Kommentar im Tages-Anzeiger beinhaltet nichts neues oder sonst auch nur ansatzweise interessantes. Er spiegelt auf ganzer Linie die Meinung der US-Reierung. Derweil berichten und komentieren führende Europäische Medien wie der Spiegel oder der Guardian weiterhin journalistisch kompetent und frei.          

           

* Gemäss Mitteilung des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums (Department of Defense, kurz DoD) am Donnerstag, 5. August 2010, um 13.00 Uhr Lokalzeit (19.00 Uhr MEZ), vertreten durch Pressesprecher Geoff Morrell, erachtet das Ministerium die über die WikiLeaks indiskret veröffentlichen Afghanistan-Protokolle als Eigentum des DoD und ausdrücklich als geheim (siehe auch Transkript der Pressekonferenz). Geoff Morrell hat WikiLeaks höflich gebeten, die Datensätze aus dem Besitz des Ministeriums umgehend von sämtlichen Servern zu löschen und darauf hingewiesen, dass juristische Schritte gegen WikiLeaks geprüft würden.
Das im Artikel erwähnte, von WikiLeaks indiskret zirkulierte CIA-Papier fällt nicht in den Besitz des Verteidigngsministeriums, da der US-Auslandsgeheimdienst CIA verwaltungsrechtlich nicht dem Verteidigungsminister sondern dem nationalen Nachrichtendienst-Direktor und sodann der Aufsicht des Senats untersteht; demnach gelten die vom US-Verteidigungsministerium an die Adresse von WikiLeaks auferlegten Einschränkungen ausschliesslich für Dokumente aus dem Besitz des Verteidigungsministeriums. Das CIA-Papier hingegen entkommt Morrells Forderung nach Löschung. Gleichwohl hat Feldstecher in den frühen Morgenstunden des 6. August 2010 entschieden, aufgrund der neuen Erkenntnisse, welche die Anhörung von Geoff Morrell brachten, die im ursprünglichen Artikel enthaltene Verlinkung zur Bezugsquelle des CIA-Berichts, WikiLeaks, zu entfernen. Der Entscheid ist damit zu begründen, dass WikiLeaks die Forderung, die Dokumente aus dem Besitz des Verteidigungsministeriums von sämtlichen Servern zu löschen und dem Zugriff der Öffentlichkeit zu entziehen, der Sache nach zurückgewiesen haben muss und damit möglicherweise gegen US-amerikanische Gesetze verstösst. Eine Verlinkung auf Webseiten von WikiLeaks verstiesse demnach mutmasslich gegen US-amerikanische Gesetze. Feldstechers Blog legt Wert wenn nicht auf stilistische oder politische so doch wenigstens auf rechtliche Konformität.
** Aus demselben Grund wie unter * erläutert musste auch der Link zu besagtem Artikel ausgesondert werden.

          

  
         

    
         

1 „Schon einen Tag nach der exklusiven Publikation geheimer Dokumente vom afghanisch-pakistanischen Kriegsschauplatz fuhr die «New York Times» ihre Berichterstattung massiv zurück. Statt mit zusätzlichem Material und Analysen aufzuwarten, begnügte sich das Blatt mit einer Zusammenfassung offizieller Verlautbarungen. Andere Zeitungen reagierten ähnlich, und auch die grossen Fernsehsender wollten nicht so richtig auf den Wikileaks-Zug aufspringen.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)         

2 „Eine erste Erklärung bietet das Material selber. Die Rapporte der Soldaten aus dem Gefecht sind eine Mischung aus Augenzeugenberichten, Gerüchten, Gesprächsfetzen und persönlichen Eindrücken. Es ist bezeichnend, dass die von Assange eingespannten Redaktionen von «New York Times», «Spiegel» und «Guardian» selbst nach einem Monat intensiver Sichtung der Dokumente nichts fanden, das mehr als das Bild des chaotischen, verwirrten Krieges bestätigt hätte. (…) Anders als die Pentagon-Papiere sind die Afghanistan-Protokolle nicht politisch relevantes Material.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)         

3 „Zwar sieht der mysteriöse Julian Assange sein Unternehmen als seriöses Informationsmedium, doch die Tatsache, dass er drei erfahrene, vertrauenswürdige Redaktionen einspannen musste, zeigt, dass das Ausbreiten von Rohmaterial im Internet allein noch keine journalistische Leistung ist. Damit ist ein weiterer Grund für die skeptische Aufnahme der Dokumente angesprochen.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)         

4 „Wikileaks operiert als erste staatenlose Informationsplattform, wie der New Yorker Medienexperte Jay Rosen treffend analysierte: Sie untersteht keiner nationalen Rechtsprechung und entzieht sich jeder medialen Rechenschaft. Assange ist australischer Bürger, aber seine Finanzierungsquelle ist ebenso unklar wie die Identität der Mitarbeiter oder die Geschäftsphilosophie. Die Server von Wikileaks sind wahrscheinlich in Europa stationiert, offenbar als Vorkehrung gegen juristische Ermittlungen in den USA und in der Absicht, sie notfalls zu wechseln.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)         

5 „Der wichtigste Zuträger ist der 22-jährige Bradley Manning. Gegen den US-Soldaten läuft ein Verfahren wegen Geheimnisverrates, nachdem er ein Video, das einen Helikopterangriff auf Zivilsten im Irak zeigt, entwendet und an Assange weitergereicht hatte. Das Pentagon vermutet, dass er auch die Quelle der 92?000 Afghanistan-Protokolle ist. Damit ist klar: Das Material ist nicht von höchster Brisanz. Tausende wie Manning haben und hatten Zugriff auf die Armeeplattform, von der sich das Kommando zusätzliche Aufschlüsse über den Krieg erhofft. Mehr nicht. Assange weckte immense Erwartungen, die sein Material nicht einlöst.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)         

6 „Daraus ergibt sich drittens das Dilemma der Verantwortung für die Daten: Assange macht es sich einfach, ungeprüftes Material tel quel ins Internet zu stellen und darauf zu zählen, dass die etablierten Medien ihm die Aufgabe des kritischen Einordnens und heiklen Aussortierens von Daten abnehmen, die Personen gefährden könnten.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)         

7  „Wenn Wikileaks das Risiko vermeiden will, selber einmal zum Hackeropfer oder zum Geheimdienst zu werden, dann muss Julian Assange noch einiges lernen. Die Freiheit der Bürger im Internetzeitalter ist auch diese: Den Konsum eines wirren Datenwusts zu verweigern und das «wichtigste Datenleck» aller Zeiten zu ignorieren.“ (Tages-Anzeiger Online am 31. August 2010, Artikel „Warum man die Afghanistan-Protokolle ignorieren sollte“ von Walter Niederberger, San Francisco.)          

Letztes Update am 6. August 2010 um 04.03 Uhr

        

Dieser Beitrag wurde unter International, Journalismus, Kommentare, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s