Petarden-Trottel: Der Stammhirn-Journalismus im “Blick”

Daniel Ryser konfrontiert Zeit-Chef Peer Teuwsen im „Nation of Swine“-Interview (10.11.2011) mit der Aussage von Blick-Sportchef Felix Binsegger gegenüber Tele-Züri (7.11.2011):

„Pranger ist unsere Aufgabe.“

Teuwsen verneint, dass dies die Aufgabe der Presse ist. Er führt aus:

„(…) Sie meinen, sie müssen die Arbeit der Polizei übernehmen – auch ohne Berücksichtigung der Unschuldsvermutung. Aber das ist die Aufgabe des Staates, der das Gewaltmonopol innehat. Aufgabe des Journalisten wäre zu zeigen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. (…)“

Warum Blick-Sportreporter das Gefühl haben, Pranger sei ihre Aufgabe, erklärt Teuwsen mit dem Fussball:

„(…) Da gehen mit vielen unserer Kollegen die Pferde durch. Sie sind eben nicht nur Journalisten, sie sind auch Fussballfans – und das nicht zu knapp. Die Sache, über die sie objektiv berichten müssten, ist für sie mit grossen Emotionen verbunden. Und deshalb bekommt das Thema auch ein derartiges Gewicht in den Medien. Unsere Kollegen stellen nicht mehr nüchtern die Frage: ‘Was ist da wirklich los?’ Stattdessen haben sie das Gefühl, da machen uns ein paar unseren Fussball kaputt. (…) Die professionelle Distanz ist weg. Die Journalisten sind Teil des Systems.“

Dass viele Blick-Reporter Fussballfans sind, gibt Chefredaktor Ralph Grosse-Bley in seinem Kommentar (12.11.2011) zu:

„Wir lieben den Fussball und wir verachten Gewalt, in jeder Form. (…) Die BLICK-Reporter, darunter viele FCZ-Fans, lassen sich nicht einschüchtern. Sie haben keine Angst. Höchstens um den Schweizer Fussball.“

Kann es angehen, dass Journalisten quasi die Arbeit der Polizei auch ohne Berücksichtigung der Unschuldsvermutung übernehmen, bloss weil sie als eingefleischte Fussballfans „Angst um den Fussball“ haben?

Blick rechtfertigt sich im Bericht über die Kampagne gegen fünf seiner Reporter (12.11.2011):

„Seit Jahren diskutieren Politik und Klubs an runden Tischen über Hooliganismus. Gebessert hat sich nichts. Die BLICK-Journalisten nennen nun Ross und Reiter beim Namen. Das passt nur denjenigen nicht, die etwas zu verbergen und zu befürchten haben.“

Im Kommentar schreibt Chefredaktor Ralph Grosse-Bley:

„Aber wir werden nicht aufhören, Druck auszuüben auf diejenigen, die mit Gewalt den Fussball kaputt machen. Viel zu lange haben alle zugesehen, die Vereine, der Verband, die Politik. Es reicht jetzt!

Kommentar:

Blick stellt in seinem Bericht richtig fest, dass Politik und Klubs seit Jahren an runden Tischen über Hooliganismus diskutieren, ohne dass sich etwas gebessert hätte. Zu ergänzen ist, dass auch Behörden am runden Tisch sassen (womöglich versteht Blick diese unter „Politik“). Blick vergisst zu erwähnen, dass der runde Tisch in seiner bisherigen Form Geschichte ist und neu unter Einbezug der Polizeiorgane dezentrale Gremien gebildet werden, ein konkretes Projekt der kantonalen und städtischen Polizeidirektoren bereits anläuft, wie Roger Schneeberger von der Justizdirektorenkonferenz (KKJPD) zu 20 Minuten Online sagte. Kunststück: dass Blick-Journalisten „Ross und Reiter“ nun beim Namen nennen und Pranger ihre Mission ist, würde vor diesem Hintergrund noch befremdlicher wirken. Verständlich, dass Blick sich auf die Feststellung beschränkt: „Gebessert hat sich nichts.“

Blick lamentiert, seine Publikationspolitik passe nur denjenigen nicht, „die etwas zu verbergen und zu befürchten haben“. Wer hat denn etwas zu verbergen und befürchten? Wer ist schuld, dass sich nichts gebessert hat? Blick macht es sich einfach: die Hooligans sind schuld, nicht das Versagen eines kostspieligen, vom Steuerzahler mitfinanzierten „runden Tischs“. Nicht die Politik ist schuld und auch nicht die Verrohung der Gesellschaft, die gerade von der Boulevardpresse voran getrieben wird. Nicht Bildungsabbau, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche und soziale Probleme, Perspektivlosigkeit von immer grösser werdenden Teilen der Jugend und die treibenden Kräfte dieser Entwicklung sind schuld. Für Blick sind alleine die Hooligans schuld. Weil sich nichts gebessert habe, nimmt er sich zudem das Recht, auf blossen Verdacht hin angebliche „Petarden-Werfer“ als solche anzuprangern. Wider jede Unschuldsvermutung, wider jede Rechtsstaatlichkeit.

Die Ursachen des Hooliganismus

Es wäre absurd von einer Boulevardpostille analytische Reflexion zu erwarten. Doch würde man wenigstens die Fähigkeit dazu ihren Redaktoren zuschreiben. Weit gefehlt bei Blick-“Journalisten“! Wie der Chef des Zeit-Büros in Zürich, Peer Teuwsen, richtig ausführt, zeigt gewissenhafter Journalismus auf, was passiert, wie es passiert und insbesondere warum es passiert, erhellt Zusammenhänge und Ursachen. Der Stammhirn-“Journalismus“, den Blick-Reporter Benny Epstein mit der „Petarden-Trottel“-Story abgeliefert hat, ist hingegen einzig auf auflagenträchtigen, gewinnorientierten Skandal aus, spricht mit diffamierenden Bildern dazu niederste Instinkte und Gefühle an.
Es ginge darum, Zusammenhänge aufzuzeigen: Der „runde Tisch“ zum Hooliganismus ist gescheitert. Blick beweint dies. Aber wie ist er gescheitert? Und warum? Dazu schweigen sich Blick und auch andere Mainstream-Medien aus. Keiner will im Umfeld der Behörden recherchieren. Die Polizei beisst sich am Hooliganismus die Zähne aus. Wie und warum? Könnte die Polizei besser arbeiten? Wie? Hätten die Behörden Mittel in der Hand, die sie nicht ausschöpfen? Wenn ja, welche? Warum schöpfen sie sie nicht aus? Damit Politiker sich im Wahlkampf mit Forderungen nach mehr Polizisten profilieren können?
Was machen Stadionbetreiber falsch? Warum versagen die Sicherheitskontrollen? Gibt es zu wenig Sicherheitspersonal? Ist das Sicherheitspersonal ungenügend ausgebildet? Warum lassen sich Petarden und dergleichen ins Stadion, nicht aber ins Flugzeug schmuggeln? Weshalb wird noch immer Alkohol in den Stadien ausgeschenkt? Wie kommen bereits schwer betrunkene Fans überhaupt in ein Stadion? Zum Vergleich: Betrunkene fliegen aus dem Flugzeug raus, und wenn es zwischenlanden muss. Wo ist der Sand im Getriebe? Wer verliert Geld, wenn die naheliegendsten Massnahmen umgesetzt würden? Und welche Rolle kommt eigentlich der zunehmenden Aggression auf dem Spielfeld zu? Aber auch dies sind nur einige wenige Aspekte des Phänomens.

Welche gesellschaftlichen Ursachen hat Hooliganismus? Besteht ein Zusammenhang zu Bildungsabbau, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit der Jugend? Wenn ja, welcher? Wie ist er beschaffen? Gibt es einen Zusammenhang zu sozialen Problemen? In welchem Milieu leben Hooligans? Bildet sich in der Schweiz eine Unterschicht heran, die den Vergleich mit den Menschen in Londoner Unterschicht-Ghettos nicht mehr zu scheuen braucht? Notabene: der Begriff des Hooliganismus stammt aus dem Vereinigten Königreich!
Die Mainstream-Presse will alles, nur eines nicht: Behörden und Establishment auf die Füsse treten. Sie zieht es vor, sich anzubiedern. Mit dem Finger auf die bösen Hools zu zeigen und zur Treibjagd auf sie zu blasen. Ungeachtet der Unschuldsvermutung. Ungeachtet der Unschuldigen und Unbeteiligten, die blossgestellt und verunglimpft werden. Auf Wehrlose. Ob sie darauf in den Augen der Gesellschaft womöglich lebenslänglich als Hooligans abgestempelt sind, interessiert den Blick-Reporter nicht. Solcher Stammhirn-“Journalismus“ ist für einen Blick viel bequemer und einfacher als Pfuschpolitik und inkompetente Behördenkader zu entlarven, gerade beim Hooliganismus, aber auch in zahlreichen anderen Bereichen.

Die Justiz im Spiegel der Presse

Man mag vielleicht der Justiz die Schuld für den Hooliganismus geben. Darauf läuft die Blick-Publikationspolitik hinaus: Der Blick schert sich nicht darum, ob die kantonalen und städtischen Polizeidirektoren neue Konzepte zur Bekämpfung des Hooliganismus erarbeiten, ob bereits Projekte anlaufen. Der Blick will stattdessen erkannt haben, dass für ihn nun die Zeit zum Handeln gekommen ist. Chefredaktor Ralph Grosse-Bley schliesst seinen Kommentar: „Aber wir werden nicht aufhören, Druck auszuüben auf diejenigen, die mit Gewalt den Fussball kaputt machen. Viel zu lange haben alle zugesehen, die Vereine, der Verband, die Politik. Es reicht jetzt!“
Grosse-Bley steht nicht alleine da. Leser diverser Schweizer Mainstream-Medien schelten in ihren Kommentaren immer wieder die „Kuscheljustiz“. Auch rechtsbürgerliche Politiker fordern lauthals, dass die Polizei härter durchgreift, dass Hooligans zu Wasser und Brot eingesperrt werden, Zwangsarbeit leisten und in Schnellverfahren abgeurteilt werden.

Wir müssen uns damit abfinden, dass ein Teil der Gesellschaft eine Stammhirn-Politik fordert, die dem Hörensagen nach an Stammtischen sinnigerweise hoch im Kurs ist. Wir müssen uns damit abfinden, dass ein Teil der Gesellschaft nichts anderes als eine Stammhirn-Postille wie den Blick versteht. Wir müssen uns damit abfinden, dass für diesen Teil der Gesellschaft eine Unschuldsvermutung etwas unverständlich Abstraktes bleibt. Er zieht es vor, blind einem Blick zu glauben, wenn dieser jemanden vorverurteilt, ohne sich Gedanken zu machen. Wir dürfen uns aber niemals damit abfinden, dass Journalisten auf dieses Niveau absteigen!
Ist eine „Kuscheljustiz“ schuld am Hooliganismus? Wenn ja, ist es Pflicht der Presse, die Mechanismen der Justiz zu durchleuchten, Urteile zu analysieren und Fehlurteile zu identifizieren – und ihre Ursachen zu ergründen, und zwar für das Publikum nachvollziehbar. Auch einem Blick-Publikum. Es ist hingegen nicht Aufgabe der Presse, die Justiz selber in die Hand zu nehmen und vermeintliche Hooligans an den Pranger zu stellen. Zwar spiegelt sich auch darin indirekt ein desolater Zustand der Justiz. Eher hätte die Presse also fehlbare Richter anzuprangern. Auch Juristen und Politiker, die für untaugliche Gesetzestexte verantwortlich zeichnen. Nur scheint dies, wie bereits festgestellt, zu unbequem für die Mainstream-Presse. Gerade deshalb gibt es für den Blick nicht die Geringste Entschuldigung für die erbärmliche Stammhirn-Berichterstattung zum Thema „Petarden-Trottel“.

Fazit:
Vom Blick ist mehr zu verlangen als nur Druck „auf diejenigen, die mit Gewalt den Fussball kaputt machen“. Es ist zu verlangen, dass er den Hooliganismus als Phänomen begreift und echten Druck auf all jene ausübt, welche dieses Phänomen verursachen, also auf einen weitaus grösseren Personenkreis als nur Hooligans und vermeintliche Hooligans: auf Polizeidirektoren, Polizeikader, Justizdirektoren, Richter, Bildungsdirektoren, Lehrer, Fussball-Clubs, Stadionbetreiber und deren private Sicherheitsdienste – aber auch auf Politiker und die Wirtschaft, soweit gesetzgeberische, erziehungspolitische, soziale und wirtschaftliche Realitäten hinein spielen. Und nicht zuletzt auf Medien, welche die Gesellschaft verrohen, zum Beispiel mit Hetzjagden auf wehrlose „Petarden-Trottel“.
Ganz nebenbei gefragt: Was kassieren eigentlich Blick-Journalisten wie Benny Epstein und Blick-Chefredaktoren wie Ralph Grosse-Bley für Ungebührlichkeiten wie den Artikel „Entlarvt! Das ist der Petarden-Trottel von Rom“? Beförderungen, Lohnerhöhungen und Weihnachtsboni?


Die Kommentare zum Fall im Netz:

Update 20111114:

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