Blick-Journalisten hart angeprangert

Fünf Blick-Journalisten sind heute Freitag, 11. November 2011, Opfer einer öffentlichen Anprangerung geworden: An zwei Orten in der Stadt Zürich ist ein Plakat mit Titel „Wer kennt diese (Ruf-) Mörder?“ und Porträtbildern von drei der Journalisten gesichtet worden.

Ausserdem sind diffamierende Flyer und Aufkleber mit Porträts aller fünf Journalisten an verschiedenen Orten, unter anderem auch auf dem Schulweg von ihren Kindern, aufgetaucht. Alle seien zudem in der Nacht auf den 11. November telefonisch terrorisiert und bedroht worden und hätten am Morgen einen toten Fisch im Milchkasten gefunden. Der Tagesanzeiger Online und 20min.ch berichteten.
Laut dem von den TAMEDIA-Medien Tagesanzeiger und 20min.ch zitieren Verlagssprecher Edi Estermann geht man beim Ringierverlag, der den Blick herausgibt, davon aus, dass die Diffamierungs- und Drohkampagne „in Zusammenhang mit der Berichterstattung über den schwer verletzten Petarden-Werfer von Rom steht“.

Ein Blick auf die Berichterstattung des Blicks über den schwer verletzten angeblichen Petarden-Werfer von Rom fördert Schockierendes zutage:

  • Titel: „Entlarvt! Das ist der Petarden-Trottel von Rom“
  • Lead: „Er ist der FCZ-Fan, der offenbar zwischen Petarde und Fackel nicht unterscheiden kann. BLICK war bei ihm zu Hause.“
  • Ein Bild des Hauses, in dem der Verletzte angeblich wohnen soll
  • Ein mit Augenbalken anonymisiertes Foto des Verletzten, auf dem seine linke Hand mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger zu sehen ist, darunter der Bildtext: „Kein aktuelles Bild: Da hatte Jogi B. noch alle Finger. (zvg)“
  • Erster Abschnitt des Artikels: „Kurz vor 16 Uhr kriegt die Wohngemeinschaft Besuch. Gemeinsam mit Freunden schauen sich die FCZ-Fans gestern Sonntag das Ligaspiel gegen Xamax an. Es ist die WG, in welcher der Petarden-Trottel von Rom wohnt. Sitzt er auch vor dem Fernseher?“

Kommentar:

Der Autor dieses Blogeintrags ist kein Blickleser. Er hat erst heute, am 11.11.11, durch den Tagesanzeiger Online von der Sache Wind bekommen. Eines aber ist auf einen Blick klar: der Blick hat dick aufgetragen.

  1. Ohne die genauen Umstände des Vorfalls in Rom zu kennen, betitelt der Blick den Verletzten als „Petarden-Trottel“, „der offenbar zwischen Petarde und Fackel nicht unterscheiden kann“. Der für den Artikel verantwortliche Benny Epstein überschreitet damit nicht nur die Grenze des Anstands sondern womöglich auch die Grenze des Strafrechts, namentlich die Strafgesetzartikel über die Verunglimpfung.
  2. Blick publiziert zwei zwar mit Augenbalken anonymisierte Fotos des Verletzten, die überdies zur Verfügung gestellt sein sollen (zvg), lässt mit der Bildunterschrift über die Finger des Verletzten aber nicht nur einfach jede Pietät vermissen, überschreitet mit ihr nicht nur alle dem Zynismus gesetzte Grenzen, lässt nicht einfach jeden elementaren Anstand vermissen, überholt nicht nur einfach jeden Misanthropen rechts, sondern der Blick überschreitet damit eine nicht verhandelbare Grenze, die zivilisierte Menschen selbst im Krieg einhalten: die Würde des Menschen.
    Mangelt es dem Blick grundsätzlich an Zivilisiertheit? Oder führt er einen Krieg, dem bereits jede Zivilisiertheit zum Opfer gefallen ist?

Es ist ein Ding, ob ein Fotograf eine Situation festhält, auf welchem die Entwürdigung eines Menschen festgehalten wird, etwa eine entwürdigende Behandlung eines Menschen durch Polizeibeamte (zum Beispiel ein Polizeihund, der sich in den Hintern eines Bürgerrechtlers verbeisst), und der verantwortliche Redaktor zu diesem Bild einen reisserischen Titel setzt, solange dieser Titel das Handeln der Polizisten beisst und nicht den entwürdigten Menschen (zum Beispiel: „bissige Polizei“ oder „auf den Hund gekommen“).
Es ist hingegen ein ganz anderes Ding, ob einen Menschen ein schwerer Schicksalsschlag wie den Verlust von Fingern ereilt hat und jenem dieser Schicksalsschlag in Rechnung gestellt wird, indem eine Zeitung ihn dafür öffentlich als „Trottel“ hinstellt.

Ein nochmals ganz anderes Ding ist es, die Verletzung ins Zentrum zu rücken und mit einer inadäquaten Kaltschnäuzigkeit mit einem Bild zu kontrastieren, auf welchem die fehlenden Finger zu sehen sind, um mit der an dieser Stelle ebenso inadäquaten Nüchternheit eines Buchhalters zu bilanzieren, es handle sich um „kein aktuelles Bild“, denn „da hatte B. noch alle Finger“. Was in den Rahmen menschlicher Empathie gehört, wird in den gefühllosen Rahmen einer Finanzbuchhaltung versetzt („Reframing“).

Zusammengefasst hat der Blick drei Fehler begangen:

  1. Er bezeichnet das Opfer eines schweren Unfalls wegen des Unfalls als „Trottel“, er entwürdigt den Verletzten dadurch auf gröbste Weise. Strafrechtlich gesehen könnte diese Bezeichnung als Verunglimpfung aufgefasst werden, zumal der Verunfallte dank der Blickpublikation an seinem Wohnohrt eindeutig identifizierbar geworden ist.
  2. Er publiziert Fotos vom Haus, in welchem der Verunfallte lebt, offenkundig in der Absicht, ihn an seinem Wohnort bloss zu stellen.
  3. Er lässt bezüglich der Verletzung jegliche menschliche Empathie vermissen, indem er völlig inadäquat die buchhalterische Bilanz zieht, dass ein Bild des Unfallopfers, auf welchem die unversehrte Hand zu sehen ist, „kein aktuelles Bild“ ist und herausstreicht: „da hatte B. noch alle Finger“. Am Schlimmsten dabei ist, dass der Blick die schwere Verletzung auf diese Weise thematisiert. Denn diese Weise ist verletzend.

Leichen im Keller

Es fragt sich schliesslich, ob die heute durch die TAMEDIA-Medien Tagesanzeiger und 20min.ch publik gemachten Verunglimpfungen von fünf Blickjournalisten tatsächlich in Zusammenhang mit der schockierenden Berichterstattung über den Unfall in Rom steht, wie Verlagssprecher Edi Estermann mutmasste. Als Indiz führte er laut Tagesanzeiger an, dass alle fünf Journalisten an der fraglichen Berichterstattung beteiligt gewesen seien. Doch, so ist zu bilanzieren, diese Mutmassung basiert letztlich einzig auf diesem Indiz. Man erinnert sich an Piero Esteriores Spritzfahrt im Blick-Gebäude 2007, über die die NZZ berichtete. Man erinnert sich auch an die Berichterstattung über Ex-Botschafter Thomas Borer und das Nachspiel dieser Berichterstattung.
Letztlich bleibt zu bilanzieren, dass eine solche Reaktion auf eine Berichterstattung über das Unfallopfer von Rom menschlich eigentlich nicht unbedingt zu erstaunen vermöchte. Das Vorgehen gegen die Blickjournalisten ist zwar inakzeptabel und strafrechtlich als Drohung und Nötigung anzusehen – aber es wäre in Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Unfallopfer von Rom auch nicht ganz unverständlich. Denn auch die Reaktion von Piero Esteriore hatte wohl ihre Gründe. Und auch Ex-Botschafter Thomas Borer reagierte auf seine Weise. Gerade deshalb ist die Frage zu stellen: Hat der Blick vielleicht Leichen im Keller?

Der mittelalterlicher Pranger im 21. Jahrhundert

Es bleibt das Thema „Pranger“ zu diskutieren. Würde der Blick auf die Weise, wie er über Piero Esteriore oder tagelang über das Unfallopfer von Rom berichtete, fehlbare Behördenvertreter, Richter oder Politiker jagen, sähe die Geschichte ein klitzekleinwenig anders aus. Nun gut, Glogger mailt. Das ist schon etwas. Aber bläst der Blick zu Hetzjagden auf fehlbare Mächtige wie er es beim Unfallopfer von Rom tut? Der Blick gibt sich behördenfreundlich, gerne publiziert er im Interesse der Polizei schlechte Fotos von mutmasslichen Krawallanten, wobei Verwechslungsgefahr besteht. Gerne zieht er über einen Piero Esteriore her. Gerne betitelt er ein Unfallopfer als „Trottel“. Da ist der Hund begraben: Blick geht auf Wehrlose los! Ex-Botschafter Thomas Borer war eine Ausnahme, er konnte sich einen Anwalt leisten und den Blick auf eine horrende Schadenersatzleistung verklagen. Die Geschichte sähe deshalb nur ein klitzekleinwenig anders aus, weil sich die Ungebührlichkeit der Berichterstattung über das Opfer von Rom auch dann nicht rechtfertigen liesse, würde der Blick üblicherweise auch Behörden und andere Mächtige mit dem journalistischen Vorschlaghammer bearbeiten. Einzig müsste sich der Blick nun nicht vorwerfen lassen, dass er auf Wehrlose Hatz veranstaltet und Gutsituierte mit Samthandschuhen anfasst.
Zu kritisieren ist besonders, dass der Blick das private Umfeld des Unfallopfers von Rom mit einem Foto des Wohnhauses publik macht und ihn so wirklich persönlich an den Pranger stellt. Da geht es offenbar mehr um die Person als um die Sache. Das Wohnhaus des Unfallopfers tut für die Story nichts zur Sache. Würde der Blick Behördenvertreter und Richter so ans Licht der Öffentlichkeit zerren, einschliesslich Fotos ihrer Villen, sähe die Sache anders aus, wir könnten bilanzieren, dass der Blick das immer so handhabt.

Der „Pranger“ ist ein notwendiges Übel dort, wo Fehlbarkeiten nicht anders beizukommen ist. Er mag mittelalterlich anmuten. Doch gibt es gegen manche Fehlbarkeiten kein anderes Mittel. Das gilt vor allem für Behördenvertreter, Richter, Anwälte und Politiker, die – nicht zuletzt dank ihren Positionen, Berufsbildungen und Beziehungsnetzwerken – jedes Register zu ziehen vermögen, um sich vor der Verantwortung für Verfehlungen zu drücken oder Verfehlungen unter den Teppich zu kehren.
Die rechtliche Grundlage, solche Personen anzuprangern, ist stets das öffentliche Interesse an den Informationen, das insbesondere bei wählbaren Personen wie Politikern und Richtern gegeben ist, in gewissen Fällen aber durchaus auch bei nichtwählbaren Berufspersonen und Institutionen vorliegen kann, beispielsweise im Sinne des Konsumentenschutzes. Wo das öffentliche Interesse an der detaillierten Berichterstattung auch aus dem privaten Umfeld des Unfallopfers von Rom bestehen soll, ist hingegen nicht ersichtlich. Soweit das Unfallopfer zu belehren wäre, wäre zweifellos die Justiz zuständig.


Weitere Recherchen ergaben (Update 20111112-1):

Blick hat Stellung bezogen (Update 20111112-2):

  • Am 12. November berichtet Blick über die Morddrohungen gegen fünf Journalisten. Der Bericht zitiert Sportchef Felix Bingesser: „Ich verurteile diese Aktion aufs Schärfste. Und ich stehe nach wie vor hinter unserer Berichterstattung. Es ist ein Auftrag der Medien, solche Missstände aufzudecken und für Öffentlickeit zu sorgen. (…) Hooligans, Petarden und Fackeln gefährden nicht nur Menschenleben. Sie gefährden auch den ganzen Fussball.“ Blick-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley kommentiert den Bericht unter dem Titel: „Wir haben Angst um den Fussball.“

Weitere Artikel und Kommentare zum Fall (Update 20111112-3):

Dieser Beitrag wurde unter Ethik, Journalismus, Kommentare, Schweiz abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s