Lex Valentin Landmann

Kommentar zur Berichterstattung über den Hirschmannprozess

Tagesanzeiger und 20minuten, beide Tageszeitungen gehören zum TAMEDIA-Verlag, berichteten ausführlich über den Prozess gegen den heute 31jährigen Multimillionär Carl Hirschmann III. Beide Zeitungen liessen einen aussenstehenden Rechtsanwalt zum Fall zu Wort kommen. Mehr noch, sie gaben beide Rechtsanwalt Valentin Landmann eine Plattform, den Fall zu kommentieren, Hirschmanns Verteidigerin zu demontieren und sogar dem Angeklagten Ratschläge zu erteilen. Auch die Ringier-Postille Blick hat auf Valentin Landmanns Expertise gesetzt.

Wenn es darum geht, ausgewiesene Experten zu ihrer Thematik zu Wort kommen zu lassen, was unter Umständen durchaus sinnvoll einen Artikel ergänzt, ist mit Valentin Landmann eine schillernde Figur und ein ausgewiesener Experte seines Fachs bemüht worden. Es mag sich auch als praktisch erweisen, ihn den ganzen Fall begleiten zu lassen, ählich wie die Feministin Schwarzer den Fall Kachelmann für die Bild-Zeitung begleitete. Doch fällt auf, dass sowohl der Tagesanzeiger als auch 20minuten Landmann und nur Landmann als Experten präsentieren. So auch der Blick. Da fragt es sich, ob der Anwaltsverband des Kantons Zürich nicht noch mehr Rechtsanwälte zu bieten hat, die den Fall Hirschmann mindestens ebenso fachmännisch zu kommentieren vermocht hätten wie Landmann. Und es fragt sich, ob nicht die eine der zwei Zeitungen aus dem Haus TAMEDIA einen anderen Experten als Landmann hätte interviewen und damit noch einer anderen, zweiten Sicht Ausdruck verleihen können.
Nicht wie Schwarzer im Fall Kachelmann hat Landmann den Fall etwa als Reporter im Gerichtssaal begleitet. Er hat den TAMEDIA-Blättern 20minuten und Tagesanzeiger als juristischer Experte in Interviews Auskunft gegeben. Ähnlich wie Schwarzer aber hat auch er den Prozess von Anfang an begleitet, und er kam in beiden Zeitungen auch je in mehreren Artikeln zu Wort. So auch im Blick. Ähnlich wie Schwarzer nahm auch er kein Blatt vor den Mund, kritisierte Hirschmanns Verteidigerin von Planta so schonungslos offen wie Schwarzer Kachelmanns Anwalt Schwenn. Die Zeitungen werden es ihm danken: ihre eigenen Gerichtsberichterstatter brauchten keine kritischen Worte zu verlieren, sie delegierten den Kommentar an Landmann und wuschen sich die Hände in Unschuld. Womöglich ist diese Taktik vor dem Hintergrund der hängigen Klagen von Hirschmann gegen diverse Medienhäuser zu verstehen? Die beiden TAMEDIA-Blätter ergattern sich damit “de Foifer und’s Weggli”, zumal sich Valentin Landmanns schillernder Milieu-Hintergrund zusammen mit reisserischer Kritik an Protagonisten des Verfahrens gleich wie Schwarzers kernige Bild-Berichterstattung über den Kachelmann-Prozess auflagentreibend auswirken dürfte. Aber ohne dass die Zeitungen und ihre Journalisten sich dabei die Hände schmutzig machen.
Diese Medien begehen in ihrer Gier nach hoher Auflage aber einen doppelten Fehler: Landmanns Kommentar in gleich beiden TAMEDIA-Blättern Tagesanzeiger und 20minuten – und zudem im Blick und in weiteren Medien – spiegelt eine gewisse Gleichschaltung der Berichterstattung über den Hirschmann-Prozess und leitet damit eine Verarmung der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion des Hirschmann-Falls ein. Diese wird einseitig und dominant durch die Meinung von Landmann, welche die auflagenstarken Zeitungen Tagesanzeiger und 20minuten unterstützt vom Blick und anderen schweizweit verbreiten, markant geprägt. Ein Fehler ist dies deshalb, weil intellektuellen Zeitungslesern diese Monophonie der Berichterstattung nicht entgeht und sich ihnen Fragen zur journalistischen Qualität der besagten Blätter stellen. Ein doppelter Fehler liegt deshalb vor, weil ein einziger Rechtsanwalt, der am Fall nicht einmal beteiligt ist, eine Plattform erhält, von der aus er ein Millionenpublikum erreicht. Seine Konkurrenten im Zürcher Anwaltsverbands haben nicht einmal im Ansatz eine vergleichbare Werbefläche. Ob dabei noch von objektiver, ausgewogener Medienarbeit zu sprechen ist? Einem Teil des Publikums besagter Blätter mag dies schlicht egal sein – ein anderer setzt die Objektivität seiner Zeitung einfach voraus.

Ob Landmann findet, Hirschmanns Anzug sei eine Nummer zu klein (http://www.20min.ch/people/schweiz/story/14927379), ist bedeutungslos. Es tut wenig bis nichts zur Sache, spiegelt Landmanns subjektiven Geschmack. Es stellt geneigte Leserinnen und Leser allenfalls vor die Frage, ob Landmann damit zwangsneurotische Züge verrät oder seine mit einem Augenzwinkern vorgebrachte Feststellung als versteckter Hinweis darauf zu deuten ist, dass die Justiz eine Menge Zwangsneurotiker als Richter beschäftigt, sodass die Grösse eines Anzugs ein Urteil beeinflussen könnte oder durchschnittliche Justizbeschäftigte dies wenigstens glauben und sich selbst entsprechend verhalten und äussern -Landmann beliebte wohl zu scherzen?
Was Landmann über den Prozess, die Verteidigung, die Anklage und das Verhalten der Verfahrensbeteiligten zu sagen hat, interessiert hingegen zwar, doch wäre es, wie gesagt, vorteilhaft gewesen, wenn weitere Expertenstimmen neben jener Landmanns Raum in den Medien erhalten hätten.
Etwas befremdlich wirkt etwa Landmanns Aussage gegenüber dem Tagesanzeiger, Hirschmanns Verteidigerin habe zuviele amerikanische Krimis gesehen: “Die massiven Vorwürfe an Staatsanwaltschaft und Presse waren höchst seltsam – als ob die Verteidigerin zu viele amerikanische Krimis gesehen hätte. Damit hat man keine Chance.” (http:/www.tagesanzeiger.ch/panorama/leute/Herr-Hirschmann-hat-ausgesprochen-Glueck-gehabt/story/16070705) Gerade er, Valentin Landmann, scheut keine Gelegenheit, die ihm die Medien bieten, um wie ein richtiger Amerikaner die Medien im Interesse seiner eigenen Mandanten zu instrumentalisieren (letztes sehr konkretes Beispiel ist das gute Wort, das er in 20minuten für seinen Mandanten Fidel Stöhlker, gegen den eine Untersuchung in Zusammenhang mit dem Rassismusgesetz eröffnet wurde, exklusiv und öffentlich einlegen durfte: http://www.20min.ch/de/schweiz/11435732).
Besonders problematisch aber ist der Grund, den Landmann im Tagesanzeiger-Interview anführt, um zu illustrieren, warum er Hirschmanns Verteidigung pathetisch fand: “Staatsanwalt Daniel Kloiber ist bekannt als erfahren und korrekt. Ihm zu unterstellen, er sei befangen, ist Unsinn.” Denn gerade er, Valentin Landmann, müsste als erfahrener Strafverteidiger und Milieu-Anwalt doch bestens wissen, dass dem erfahrensten Staatsanwalt Fehler unterlaufen, der angesehenste Staatsanwalt oder Richter befangen sein kann, weil Irren menschlich ist und Befangenheit immer auf menschlichen Schwächen basiert, oft auf niederen Instinkten oder einfach einer Chemie, die nicht stimmt. So gesehen ist es überhaupt nicht abwegig, anzunehmen, dass auch ein laut Landmann “erfahrener und korrekter” Staatsanwalt wie Daniel Kloiber einmal befangen sein könnte. Auch Kloiber ist ein Mensch, und es wäre wohl beleidigend, ihm menschliche Attribute abzusprechen, ihn gerade dadurch zum Un-Menschen zu machen. Es ist einzig Unsinn, wie Landmann Befangenheit bei einem Staatsanwalt Daniel Kloiber (oder bei jedem anderen Staatsanwalt, Richter oder auch Anwalt) pauschal auszuschliessen. Hätte Landmann konkrete Gründe genannt, weshalb Kloiber nicht befangen sei, hätte seine Bemerkung mehr Gewicht. So aber bleibt vor allem die Behauptung von Hirschmanns Verteidigung in Erinnerung, dass der Staatsanwalt mit dem Vater einer Belastungszeugin persönlich bekannt sei, was im gesunden Menschenverstand einen Anfangsverdacht auf Befangenheit durchaus entstehen lässt… Jeder Staatsanwalt kann befangen sein, dies wie Landmann bei Kloiber kategorisch (!) auszuschliessen, wirkt eigentlich nur überangepasst und unterwürfig anbiedernd. Auch Kloiber könnte befangen sein. Die wirklich interessante Frage für die Medien und von ihnen zitierte Experten wäre, ob er nun befangen war oder nicht. Landmann jedenfalls zeigt mit seinem Urteil über Kloibers angebliche Unfehlbarkeit selber eine Befangenheit in eine Richtung, die eigentlich nicht zu einem Strafverteidiger passen will. Schade, dass es nicht noch andere Expertenmeinungen in die Medien schafften!

Die Lex Valentin Landmann hält zur Zeit ein Monopol in den Medien, schafft damit ein juristisches Meinungsmonopol und produziert erst noch kostenlose PR für die Kanzlei Landmann. Und den Medien scheint diese Gleichschaltung erst noch recht. Derweil lassen sich natürlich weder der Zürcher Anwaltsverband noch die kantonale Aufsicht über die Anwälte zu dieser “Amerikanisierung” der Zürcher Justiz vernehmen.

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Eine Antwort zu Lex Valentin Landmann

  1. Jörg Kachelmann schreibt:

    Aus meinem Twitter-Account…
    J_Kachelmann Jörg Kachelmann
    Die Erbärmlichkeit der erwähnten Schweizer Medien und ihres Lieblingsexperten bedarf keiner weiteren Bestätigung.

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